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Von Andechs nach Wessobrunn Auf dem Geisenberger Hof Nacht über Haid
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18.09.2008, 18.20 Uhr

Von Andechs nach Wessobrunn

Und weiter ging`s auf grünen oder steinigen Pfaden und manchmal auch teerigen Straßen Richtung Wessobrunn. Der 2. und der 3. Tag waren für mich die schlimmsten Tage. Ich hatte am 3. Tag raus, dass ich ungefähr 2 Stunden gehen konnte, ohne dass ich Schmerzen hatte. Ab zwei Stunden wurde es schwieriger. Und es ging jetzt darum herauszufinden, wie wir am besten die täglich ca. 25 Kilomenter bewältigen konnten. Zu oft stehen bleiben ist nichts, das kapierten wir bald. Und ich wollte in den ersten beiden - schmerzfreien - Stunden so weit kommen, wie es irgend ging. Also bin ich mit einigem Tempo losmarschiert. K. meinte, ich wäre zu schnell, ich würde am Anfang zu viel Energie verbrauchen. Sicher hatte er recht. Aber es trieb mich einfach weiter.

An diesem 3. Tag war es auch, als wir 3 unserer Mitmarschierer erstmals trafen. Ein "Pilger" aus Hamburg beglückte uns von da ab täglich mit hanseatischen Weisheiten und mit einem Paar aus München tauschten wir uns abends intensiv aus über den Zustand unserer Zehen, die exakte Lokalisierung unserer Fußblasen, die Verwendung von Blasenpflaster und die optimale Ernährung auf so einem Weg. Die beiden vertraten vehement die These: tagsüber nichts essen, nur trinken, weil das belastet. Ich wäre ohne Brotzeit zwischendurch gestorben. Sogar finker nahm inzwischen auch tagsüber Nahrung zu sich, und unser Freund K. hatte sich ja sowieso wieder bei der letzten Übernachtung in Erling mit Semmeln, Butter und Käse vom Frühstück eingedeckt. Wir mampften, auf einem umgesägten Baumstamm sitzend, hatten ca. 15 Kilometer bereits hinter uns und ich sehnte mich nach nichts mehr als nach einer guten Tasse Kaffee. Aber weit und breit gab es nichts als Natur und Landschaft.

Allerdings entdeckte K. bei dieser Gelegenheit auf einem Misthaufen!!!! eines seiner Lieblingsobjekte - einen Isolator - das Porzellandings an den Hochspannungsleitungen. Ich hatte ja schon einmal davon berichtet, dass er leidenschaftlich für diese Dinger schwärmt und sie sammelt - und finker und ich konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, seinem 9 Kilo schweren Rucksack noch ein weiteres Kilo an "Isolatoren" hinzuzufügen.

Der Kommunikationsfunk unter den Pilgern hatte schon ergeben, dass es in Wessobrunn außer dem Kloster kaum Übernachtungsmöglichkeiten gab. Wie gut, dass wir doch zu dritt 1 Handy dabei hatten. Und so fragten wir uns bereits um die Mittagszeit - auf halbem Weg also - durch nach Unterkünften in Wessobrunn. Die Klosterfrau an der Telefon-Zentrale gab uns ein paar Nummern von privaten Quartieren, und wir landeten auf einem Bauernhof in Haid, einem kleinen Dorf kurz vor dem Kloster. Ein Volltreffer. Wir nächtigten in den ehemaligen Kinderzimmern der Bauersleute Geisenberger. Die Kinder waren zwar schon lang aus dem Haus, aber die Kinderzimmer waren immer noch die Kinderzimmer. Selten habe ich nach diesen dritten 25 Kilometern so selig geschlafen wie auf dem Geisenberger Hof. Und das Frühstück erst, ein Genuss rund um. Und Gott sei Dank nötigte uns Frau G. Brotzeit mitzunehmen vom reichhaltigen Frühstückstisch, denn am nächsten Tag fanden wir tatsächlich den ganzen langen Tag keine einzige Möglichkeit, Nahrung einzukaufen. Kein Wirtshaus, keine Metzgerei, keine Bäckerei, nichts weit und breit. Und wir dachten, wir wären eigentlich nicht aus der Welt...

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Philine

Philine

Alter: 63 Jahre,
aus Schönau

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Kommentare

18.09.2008 23:03 knrbacher
So ist das eben: Auf Mist gedeiht alles besser und schöner, "auch Isolatoren". Aber ich merke, meine Überzeugungsarbeit, dass bei diesen Dingern die Zweckmäßigkeit auf einfache und klare Formen trifft, und schlicht schön genannt werden darf, hat nichts gefruchtet. Übrigens waren die Dinger auch noch eingemauert, unerreichbar. Auch ein Teil der Schönheit. Sie haben deshalb nichts und niemanden, vor allem nicht meinen Rucksack beschwert, allenfalls Träume wieder wachgerufen. Da war doch am Gardasee unter der Tunnedecke der kobaltblaue Wunderisolator...Autos, keine Möglichkeit eine Leiter aufzustellen...
19.09.2008 10:50 bella698
Da wart ihr ja fast bei mir zuhause...
19.09.2008 21:53 gammi70
bella698 schrieb:

Da wart ihr ja fast bei mir zuhause...


Da könntest du ja Wanderer bei dir aufnehmen. So eine Art Heuhotel mit frischer Milch am Morgen.
20.09.2008 07:22 bella698
gammi70 schrieb:

Da könntest du ja Wanderer bei dir aufnehmen. So eine Art Heuhotel mit frischer Milch am Morgen.


Da is leider kein Platz, wir nehmen nur ab und zu mal Wanderreiter, die müssen aber dann in einer Pferdebox schlafen.
20.09.2008 13:04 gammi70
bella698 schrieb:

Da is leider kein Platz, wir nehmen nur ab und zu mal Wanderreiter, die müssen aber dann in einer Pferdebox schlafen.


das sind Pilger, die brauchen keinen Komfort
21.09.2008 09:33 Philine
gammi70 schrieb:

das sind Pilger, die brauchen keinen Komfort


Stimmt gammi, man braucht tatsächlich kaum Komfort. Ich hätte mir nie gedacht, wie wurscht es mir tatsächlich sein kann, wo ich am Abend meine müden Beine ausstrecke. Hauptsache, irgendwas zum Ausruhen...
21.09.2008 11:46 gammi70
Philine schrieb:

Stimmt gammi, man braucht tatsächlich kaum Komfort. Ich hätte mir nie gedacht, wie wurscht es mir tatsächlich sein kann, wo ich am Abend meine müden Beine ausstrecke. Hauptsache, irgendwas zum Ausruhen...


Da ist ja mit der Sinn einer Pilgerreise/Wallfahrt.
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