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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Zeitungsausschnit
85 mal angesehen
29.03.2009, 15.56 Uhr

Hinter den Sätzen

Irgendwie hab ich in den letzten Jahren ein breiteres Kreuz bekommen. Das meine ich nicht nur körperlich - mein Rücken ist tatsächlich breiter geworden. Nein, ich halte einfach mehr aus. Vieles so leicht dahin Gesagte nehme ich nicht mehr persönlich, was die anderen machen, sagen oder tun oder was sein sollte - nicht mehr so wichtig. Find ich gut, ein eindeutiger Vorteil des Älterwerdens.

Auf der anderen Seite gibt es Dinge, da werde ich immer empfindlicher. Zum Beispiel, wenn hinter Sätzen eine Haltung, eine Wertung mitschwingt, die unausgesprochen die ganze Aussage bestimmt. Was ich meine: Wenn etwa die Medien melden, es wäre wieder einmal eine Umfrage gestartet worden, wieviele Männer im Haushalt helfen. Helfen?? Ja geht`s noch? Das Wort allein sagt doch schon, zu wem die Arbeit eigentlich gehört und wer gnädiger Weise "hilft". Oder der Satz "Auch ich mache Fehler!" Da hört man doch deutlich das Erstaunen des Sprechers darüber heraus, dass er wider Erwarten nicht vollkommen ist. Impertinent empfinde ich die Fragen, die gleich den Sollzustand mittransportieren. Etwa derart "Da hast du aber schon gesagt, dass das der xy machen muss". Eine echte Frage wäre "Was hast du gesagt?". Nein, bei dieser Frage droht das Ende der Freundschaft, hätte man nicht im Sinne des Fragers reagiert.
Noch schlimmer finde ich die rhetorischen Fragen, wenn sie sich auf gerade übliche gesellschaftliche Übereinkünfte beziehen. Zum Beispiel darüber, was gesund ist oder nicht. Nie vergesse ich den empört erschrockenen Ausruf einer Bekannten "Wie, du trinkst nicht jeden Tag 1/2 Liter Milch?" Wie fahrlässig, ich begehe also öffentlich Selbstmord auf Raten - schließlich droht im Alter Osteoporose. Das empörte Erschrecken galt solange, bis genügend Leute von den Chinesen erzählten, die der Meinung sind, Milch sei sowieso nur etwas für Babys und die medizinische Forschung - angeblich - herausgefunden hat, man könnte den Kalzium-Mangel nach dem Baby-Alter eh nicht mehr aufhalten. Gut, dass ich inzwischen soviele Moden über "was ist gesund und was nicht" vorüberziehen gesehen hab, das mich das nicht mehr schreckt.
Äußerst beliebt bei therapeutisch geschulten Frauen sind Sätze wie "Da hab ich mich überhaupt nicht ärgern müssen". Ein kleiner lauernder Vorwurf im Blick, und schon stehst du da wie der Psycho-Depp, der sich tatsächlich hin und wieder mal ärgert. Da wird mir in so einem einfachen Satz gleich ein ganzes Wertesytem übergestülpt wird, das da lautet: "Man soll sich nicht ärgern!" Ich glaube, dass es gut ist, sich hin und wieder mal richtig aufzuregen. Vor allem über weichgespülten Therapie-Jargon.

Mit der Sprache kann man Leute ganz schön in die Enge treiben. Mein lieber Freund K. - der mit den Isolatoren! - zitiert in so einem Fall immer ein Lehrbeispiel aus seiner juristischen Praxis. Was antwortet ein Unschuldiger, der im Gerichtssaal gefragt wird "Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?"
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Philine

Philine

Alter: 62 Jahre,
aus Schönau
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