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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Berggasthaus Schroffen
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14.04.2009, 12.43 Uhr

Die LOHAS und das Landgasthaus-Sterben

Wenn man die Agentur-, Medien- und Werbewelt so verfolgt, gibt es seit der Jahrtausendwende, verstärkt allerdings seit 2007! eine große neue Verbraucher-Bewegung: Die LOHAS - eine Abkürzung für "Lifestyle of Health and Sustainability". Das sind Leute, denen nicht egal ist, wo das Zeug herkommt, das sie essen und wer die Dinge herstellt, die sie verbrauchen. Der "grüne" Trend kommt natürlich aus Amerika, angeblich entsprechen in den Vereinigten Staaten ca. 30 Prozent der Verbraucher diesem Typ, in Deutschland bereits jetzt 15 Prozent, Tendenz steigend. Und was tun diese LOHAS? Sie bevölkern die Bioläden und Bio-Supermärkte, ohne krubbeliges Öko-Latschen-Outfit und abseits ideologischer Sprechblasen, sie bleiben im Urlaub lieber im Lande als Fernreisen zu buchen, sie ernähren sich ähnlich wie die Anhänger der Slow-Food-Bewegung - also am liebsten von Produkten aus der Region - sie verbringen ihre Freizeit gerne auf dem Land und können mit "Geiz ist geil" nichts anfangen. Prominente Vorbilder wie Brad Pitt, George Clooney und Matt Damon machen es vor (wen grüner Klatsch interessiert: [www.ecorazzi.com)] - und wir hier, die wir es schon immer gewußt haben, dass es gescheiter ist, Obst und Gemüse am Bauernmarkt einzukaufen und zu wissen, dass der Huber-Bauer seine Tiere nicht aus Futtermehl aus dem Recycling toter Artgenossen ernährt, sehen uns plötzlich als Teil eines großen Trends.
Wär ja schön, wenn`s denn wirklich so wär! Aber ich hege langsam den Verdacht: Wo auch immer sich der Trend abspielt - in bayerischen Landgasthäusern anscheinend nicht. Hier ein Beispiel von Ostern: Wir haben oberhalb von Bad Reichenhall einen kleinen feinen Gasthof entdeckt, d.h. den Gasthof gibt`s schon lang, die jetzigen Besitzer erst seit ca. 1 Jahr. Die Speisekarte: übersichtlich, dafür immer gekennzeichnet, von welchem Hof in der Nähe die Schweinelende und die Ochsenbrust ist und daneben eine Liste mit den regionalen Zulieferern. Sogar das Eis ist regional. Freut uns - schließlich sind wir mehr oder weniger Einheimische (die wir uns jetzt LOHAS nennen müssen ). Also haben wir unseren Osterspaziergang mit einem deftigen Wirtshausbesuch abgerundet. Wir schlugen uns die Bäuche mit Schnitzel und Saibling voll, lobten die Qualität des Fleisches und die Kombination von Obstsäften (Apfel und Kirsche mit Schlehen und Holler) und bekamen vom beflissenen, aber irgendwie traurigen Kellner mit der Rechnung folgende Mitteilung serviert: "Sie haben heute unseren Umsatz-Rekord gebrochen" (ca. 70 € für 4 Leute, Preise sehr human, aber etwas teurer als im Touristen-Abfüll-Tempel im Ort), und weil wir von diesen Umsatz-Rekorden nicht leben können, müssen wir nach Ostern schließen". Landgasthaus-Tipp ade - Regionalität hin, Sustainability her - so weit scheint es mit der nachhaltigen Verbraucherbewegung nicht her zu sein. Demnächst wird ein sympathischer, gemütlicher Alpengasthof mehr vor sich hinrotten. Auf meinen Radtouren im Münchner Umland komme ich ständig an geschlossenen Landgasthäusern vorbei. Sie sehen aus, als würden sie aus toten verstaubten Fenstern einstigen Besucheranstürmen nachtrauern. Bei meinen letzten Besuch im Fichtelgebirge kamen wir an einen Ort, in dessen Zentrum 5 geschlossene Wirtshäuser von einer vergangenen Einkehr-Kultur zeugten. Und heute: Keiner mehr da, der Geld, Arbeit und Lust hätte, sich dort einzufinden. Auch keine "LOHAS" sind da, die angeblich so gerne ihre Freizeit im ländlichen Raum verbringen und genügend Geld haben, sich das auch was kosten zu lassen. Ein Landgasthaus-Sterben breitet sich aus, als hätten die ländlichen Wirtshäuser eine ansteckende Krankheit. Irgendwie passt da was nicht zusammen.
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Philine

Philine

Alter: 63 Jahre,
aus Schönau

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