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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Kaffeehaus
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26.04.2009, 10.36 Uhr

Das Café als Arbeitszimmer

Im aktuellen ZEIT-MAGAZIN geht es um mein Lieblingsthema: Kaffeehäuser. Zugegeben, das ist einThema, das definitiv Land- und Stadtbewohner trennt. Kaffeehaus-Sitzer kann man am Land schwer sein. Wenn es denn überhaupt so was gibt, hätte man ja dauernd das Gerede, dass man nichts zu tun habe. Und genau deshalb funktioniert diese Einrichtung auch vorwiegend da, wo man Jobs hat, die sich auch an einem Kaffeetisch erledigen lassen: In der Stadt. Zum Kaffeehaus-Sitzen braucht man: Zeitung, Buch und/oder Schreibzeug. Sollte man stattdessen einen Laptop dabei haben, nennt das die ZEIT dann "deutsche Boheme". Und erzählt von einem Berliner Szenecafé namens St. Oberholz, in dem lauter ganz stur auf ihren Bildschirm konzentrierte junge Menschen wie auf der Hühnerleiter nebeneinander sitzen und arbeiten, networken, private Post erledigen und dabei ihre Latte Macchiato schlürfen. Das Private wird öffentlich - und keiner schaut hin.
Also, zur deutschen Boheme gehöre ich nicht, denn mein Laptop wäre das letzte, was ich ins Kaffeehaus mitnehmen würde. Dafür gehe ich nie ohne Zeitung und Schreibzeug aus dem Haus als existenzielle Zutaten für einen Kaffeehaus-Besuch. Denn die Kaffeehaus-Zeit ist die Zeit des Tages für Ruhe und Kreativität. Typische Kaffeehaus-Sitzer tun das nämlich meistens alleine. Sie haben sich das von den Wienern abgeschaut, die ganze Dramen und Romane im Kaffeehaus abgefasst haben. Nein, zur Romanautorin hab ich es noch nicht gebracht, aber ansonsten er- und überarbeite ich nicht weniges für meinen Job vor einer dampfenden Tasse Kaffee oder einem aufmunternden Espresso in einem der gar nicht so vielen dafür wirklich geeigneten Münchner Kaffeehäuser. Ich denke, es gibt kaum eines in der Stadt, das ich nicht kenne und auf Alltagstauglichkeit getestet hätte. Dafür ernte ich von meiner Umgebung immer wieder unverständiges Kopfschütteln (bis auf B., der machts`s genauso!).
Ich vermute ja, es hat etwas mit Freiheit zu tun. Für meine Mutter z.B., die in den 50er Jahren eine junge Frau war, war der Besuch im einzigen Café in unserem kleinen Marktflecken auch der einzige Ort, wo sie mal ohne Familie und ohne in den Geruch von Leichtlebigkeit zu kommen - ganz wichtig zu der Zeit - alleine hingehen konnte. Das Kaffeehaus als Erholungsinsel vom Familienstress. Hat mir immer eingeleuchet. Und auch heute noch hat das Lesen und Arbeiten dort etwas gleichzeitig Unverbindliches und Beschwingtes, das die Gedanken leichter macht. Ein Ort ohne Chef, ohne Familie, ohne Aufgabe. Denn "kümmern" muss sich ja der Kaffeehaus-Betreiber. Mein persönlicher Favorit in Münchnen ist deshalb ein richtig altmodisches Café in der Innenstadt, etwas abseits der Kaufströme, in dem seit Jahr und Tag die gleichen Bedienungen da sind (nicht täglich wechselnde Studenten als Aushilfskräfte), und die einen trotz unzähliger Besuche nicht wie Inventar behandeln, sondern immer wieder als
Überraschungsgast.
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Philine

Philine

Alter: 63 Jahre,
aus Schönau

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