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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Trockenes Tuch
86 mal angesehen
02.06.2009, 16.37 Uhr

Die trockenen Tücher sind nicht trivial...

Es erstaunt mich immer wieder, wie Redewendungen, die bisher keiner gebraucht hat, plötzlich da sind und in Windeseile allüberall auftauchen. Zum Beispiel das aus dem Englischen wörtlich übersetzte "nicht wirklich". Ich wage zu behaupten, dass vor 15 Jahren kein Mensch "nicht wirklich" gesagt hat, heute ist es Allgemeingut und ich - obwohl ich mir, als ich es das erste Mal gehört habe, geschworen habe, es nicht zu verwenden - sage es heute auch. Überhaupt weiß ich meistens noch sehr genau, von wem ich so ein Wort, das bisher noch nicht da war, zum ersten Mal hörte. Es fällt ja auf, so ein neues Wort. Wie zum Beispiel die Redewendung "in trockenen Tüchern". Da muss man erst mal drauf kommen. Ich hörte das vor ca. 10 Jahren von einer Ludwigsburger Agentur und glaubte, es wäre eine Pfälzische Besonderheit. Bis die trockenen Tücher nicht nur aus Agenturen quollen.
In meiner Firma ist seit einiger Zeit sehr beliebt "Da bin ich ganz bei Ihnen" - meint: "Ich bin durchaus Ihrer Meinung". So weit ich das überblicke, hat das unser neuer (jetzt auch nicht mehr soooo neuer) Chef als erstes gesagt und jetzt sagen es alle.
Oder das Wort "grottenschlecht". Habe ich erstmals aus dem Mund eines Wichtigtuers gehört, der die Leistung eines Kollegen so beurteilte. Mittlerweile findet niemand mehr was dabei, das Wort "schlecht" ausgerechnet mit einer Grotte zu verstärken.
Bei den meisten dieser Redewendungen versuche ich mich rauszuhalten. Aber es gelingt mir nicht immer. Zum Beispiel hörte ich vor ca. 3 Jahren ausgerechnet von einem Schachgroßmeister bei der Präsentation einer besonderen Schachstrategie: "Das ist nicht trivial". Gefiel mir irgendwie, ich hab es danach auch verwendet. Nicht ahnend, dass auch dieses Wort inzwischen in die Reihe der aus dem Nichts erschienenen neuen Redewendungen zu gehören scheint.

Irgendwie sind diese neue Redewendungen etwas anderes als die Modewörter für ganz besonders gute oder schöne Dinge, an denen man erkennen kann, welcher Generation einer angehört. Zum Beispiel hätten Leute meiner Generation niemals "geil" oder "cool" gesagt, auch nicht unbedingt "super", dafür aber "toll". Ich weiß noch, dass ich als Teenager meine Mutter fast bis zum Magengeschwür reizte mit der inflationären Verwendung des Adjektivs "konkret". Dafür fühle ich mich heute mindestens ebenso genervt von Leuten, die so demonstrativ auf alle Anglizismen verzichten, dass sie zu einer Homepage "Heimat-Seite" sagen.

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Philine

Philine

Alter: 62 Jahre,
aus Schönau
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Kommentare

02.06.2009 21:41 kruemel
Ja solche Redewenungen schleichen sich still und heimlich von hinten an und irgendwann ertappt man sich dabei, wie man sie selbst verwendet. Manche verschwinden aber auch wieder ebenso heimlich nach ein paar Jahren. Kann mich noch gut an das tolle Wörtchen "urst" erinnern, dass in meiner Kindheit voll "hip" war .

Aber Heimat-Seite ist ja wirklich... ähm... einzigartig . Hab sehr gelacht...
07.06.2009 20:55 Angelika
Ob die Leute nun originell sein wollen oder nur von einem neu entdeckten Ausdruck begeistert sind: Mancher Sprachgebrauch beunruhigt mich regelrecht. Je stärker es mit unserem Bergbau bergab ging, desto öfter waren unsere Plotiker "vor Ort", also da, wo eigentlich der Bergmann die Kohle abbaut. Also war ich schon mißtrauisch, als die Politiker überall den "Lackmustest" anwenden wollten, denn zu dieser Zeit wurde zum Sturm auf die Chemieindustrie geblasen. Der häufige Gebrauch des Begriffes "Gemengelage" läßt mich denn auch nichts Gutes für die Landwirtschaft erwarten.
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