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Grab grab 2 grab 3
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18.07.2007, 10.34 Uhr

Grabesimpressionen

Wenn ich in unserem Ort Budisava, der rund 15 km vor Novi Sad liegt komme, ist es für mich eine Pflicht, dem Friedhof einen Besuch abzustatten. Es ist kein Muss, keiner zwingt mich, aber irgendwie möchte ich meine Liebsten besuchen, die mittlerweile mehr dort zu finden sind als in den Häusern und auf den Straßen.

Ich erinnere mich auch daran, wie ich mit einem Cousin immer wieder durch die Gräber gestreift bin, auf der Suche nach den Geschichten, die diese erzählen. Da die Lehrerin meiner Mutter, die aus Liebeskummer (sagt man) kurz Zeit nach ihrem Mann starb, dort der Küster, zu dem der Notarzt nicht rechtzeitig kommen konnte, weil der Schnee hüfthoch lag.

Als Kind bemerkte ich auch ein paar Gräber mit deutschen Namen. Einen merkte ich mir besonders: Franz Krause. Als Kind fragte ich nie nach oder ich tat es, und keiner beantwortete, was ich wissen wollte. So vergaß ich Herrn Krause bis wir zu Allerheiligen zum Gräbersegnen auf dem Friedhof kamen und mich ein älterer Herr, der für den Pfarrer das Weihwasser trug, auf Deutsch ansprach.

Auf meine erstaunte Frage, woher er denn so gut deutsch könne, antwortete er „Ja, wusstest du nicht? Budisava war früher ein Ort mit 50% Ungarn, 50% Deutschen.“ Nein, das wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass Tito in den 60er Jahren Land in dieser Region sehr günstig an bosnische Familien gab, um die Bevölkerungsmehrheit auszugleichen. So ändert sich seit Jahrhunderten das Gesicht dieser Region.

In diesem Sommer machte ich mich wieder auf die Suche nach Herrn Krause. Ich suchte und suchte, und fand ihn erst als ich zum ersten Mal ans Ende des Friedhofs ging. Er stand in der Reihe der Grabsteine, die entfernt wurden, da es keine Hinterbliebenen und somit niemanden gibt, der für das Grab zahlt. Ich machte ein Foto und verabschiedete mich von dieser steinernen Erinnerung der Geschichte.
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