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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Königssee - St. Bartholomä Königssee im Nebel Auf der Gotzenalm
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10.08.2009, 15.42 Uhr

Heimatgefühle auf der Gotzenalm

Kürzlich war ich nach längerer Zeit wieder einmal da, wo ich geboren wurde und 19 Jahre meines Lebens gelebt habe: im Berchtesgadener Land. Zum Bergsteigen, frische Luft tanken, Familie treffen und nachspüren: Was ist das, Heimat? Ich verwende das Wort nach wie vor nicht selbstverständlich. Es klingt – zumal bayerisch gefärbt – immer noch viel zu sehr nach Musikantenstadel und Ganghofer-Kitsch-Filmen. Und in meiner Generation – geboren Mitte der 50er – irgendwie noch nationalsozialistisch missbraucht. So wie das Wort „Nation“ oder „Vaterland“. Nicht wenige Trachten- und Heimatvereine waren ja während des Dritten Reiches äußere (Kultur-)Hülle für nazistisches Gedankengut und volkstümelnde Blut- und Boden-Metaphorik. Es braucht wahrscheinlich seine Zeit, bis sich Worte von ihrem Missbrauch befreien. Mit mehr Abstand tut man sich leichter – wie man am heute unverkrampften Umgang mit Fahnen und Symbolen des nationalen Selbstbewusstseins bei Sportereignissen feststellen kann.

Heimat – als Begriff und Gefühl - ist in einer mobilen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Wo ist „daheim“, wenn ich in jungen Jahren x – mal den Wohnort gewechselt habe? Aber wenn die Familie generationenweit in eine Region hineinreicht, dann ist Heimat eng und heimelig zugleich. Und es hat nicht nur damit zu tun, dass dort Menschen leben, die einen geprägt haben und die man liebt. Es ist etwas viel Existentielleres: Sprache, Kultur, Landschaft, Luft und Wasser. Es gab eine Zeit in meinen jugendlichen Aufbruch-Jahren, da hab ich dieses Berchtesgaden geradezu gehasst. So eng, so viele Berge, so wenig Horizont. Mit einem Obersalzberg, auf dem ein Adolf H. seinen Größen- und Vernichtungswahn aushecken konnte. Und auf den so manch Unbelehrbare weiterhin ehrfürchtig pilgerten. Diese Postkartenschönheit, das konnte nichts anderes sein als trügerische Idylle. Da musste ich weg, das hat mich erschlagen. Aber wenn ich dann alle paar Monate aus großen Städten wieder anreiste, nach dem Hallthurmer Pass in Bischofswiesen der Watzmann so majestätisch da stand, wie Wolfgang Ambros ihn beschrieben hatte, da hätte ich jedes Mal heulen können.

Entspannt hat sich mein Verhältnis zu meiner „Heimat“, als ich mich dabei ertappte, wie ich, den Kopf voller Großstadthemen, weil ich damit beruflich gerade beschäftigt war, auf der Münchner Schellingstraße „Von der Schwoag über d`Hochoim“ vor mich hinsang. Ein echtes altbairisches Gsangl, abgehört wahrscheinlich von den Roanerinnen oder den Fischbachauer Sängerinnen und in meiner Kindheit mit meiner Mutter nachgesungen. Da war klar: Die beiden Welten gehen doch zusammen.

Als ich jetzt nach vielen Jahren erstmals wieder auf der Gotzenalm war, hoch überm Königssee, hinübergeschaut hab auf Hochkalter, Watzmann und Steinernes Meer, hinunter nach St. Bartholomä, da war das eindeutig „Heimat“. Auch wenn uns auf unserem Anstieg – anders als in meiner Kindheit - mindestens 30 Mountainbiker und 10 Geländewagen entgegenkamen.
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Philine

Philine

Alter: 63 Jahre,
aus Schönau
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Kommentare

11.08.2009 09:50 JaguarE
sehr schön geschrieben!
Ich könnte mir vorstellen, dass sie jetzt in Schönau bei den "Stromrebellen" mitmacht.
11.08.2009 20:07 Maddl
mein Onkel hat da siene Kalbinnen oben nur so als info
12.08.2009 11:42 Mandlgams
Den wahren Wert der Dinge erkennt man oft
erst dann, wenn sie vergangen sind.
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