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Das Leben eines Krümels

(548 Einträge)

Foto: manwalk / www.pixelio.de
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01.10.2009, 21.26 Uhr

Vitamin C - das Wundermittel?

Nun lässt sich ja der Herbst nicht mehr verleugnen, und mit dem Herbst beginnt ja bekanntlich auch wieder die Erkältungszeit. Auch ich gehöre zu den Menschen, die sich bei einem Kratzen im Hals schnell mal eine hohe Dosis künstliches Vitamin C einwerfen und dann das Gefühl haben, dass die Erkältung nicht mehr so schlimm ausfällt oder sich gleich wieder verzieht. Tja, wie ich heute erfahren habe ist das wohl ein ausgewachsener Placebo-Effekt – eingetrichtert durch die Pharmaindustrie. Allerdings tut sie das nicht erst seit ein paar Jahren, sondern bereits seit 1933… unglaublich aber wahr und die Geschichte dahinter ist sogar ziemlich spannend.

Alles begann damit, dass 1933 der Schweizer Thadeus Reichstein zusammen mit seinem Mitarbeitern zum ersten Mal künstliches Vitamin C, also Ascorbinsäure herstellte. Er versuchte seine Erfindung an die Firma Roche in Basel zu verkaufen, doch bei der sah man zuerst keinen Bedarf. Zwar war bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannt, dass Zitronensaft bzw. das darin enthaltene Vitamin C die schlimme Mangelkrankheit Skorbut verhindern kann – aber Vitaminmangel in diesem Umfang kommt bei einem auch nur einigermaßen ausgewogen ernährten Menschen überhaupt nicht vor. Damaligen Ärzten und auch dem Unternehmen war dies vollkommen klar. Der Pharmakonzern führte in den 30er Jahren sogar Untersuchungen durch, die beweisen sollten, dass Vitamin C gegen Grippe hilft. Das Dumme war nur, dass das verabreichte Placebo ironischer weise besser half…

Trotzdem sollte Roche zum größten Hersteller der Ascorbinsäure weltweit werden. Wie ist es dazu gekommen? Eine erste Zusammenarbeit zwischen Reichstein und Roche findet mit dem Ziel statt, die Substanz herzustellen, um sie der Wissenschaft zur Erforschung zugänglich machen zu können. Ein weiterer Faktor ist außerdem die große Weltwirtschaftskrise von 1929, die auch das Unternehmen zu spüren bekam. Deshalb mussten neue Produkte bzw. neue Märkte erschlossen werden. Da das Patent für Vitamin C einmal da war, musste den Leuten eben nur glaubhaft gemacht werden, dass sie es unbedingt brauchten.

Deshalb wurde mit dem „Krankheitsbild“ Vitamin-C-Mangel Panik gemacht und außerdem flächendeckend die „Information“ verbreitet, dass bei industrieller Verarbeitung der Lebensmittel Vitamine zerstört werden und somit Vitaminmangel auch bei scheinbar ausgewogener Ernährung entstehen kann. Vitamin C sollte die Leistung steigern, und wurde deshalb öffentlich und vor allem werbewirksam Sportlern zur Olympiade 1936 und zur Tour de France verabreicht. Es wurde zum Wundermittel für kränkliche Menschen und für alle, die gesund sowie körperlich und geistig leistungsfähig bleiben wollten.

Nach dem Krieg gibt es eine kurze Krise – es gibt wieder überall genügend Obst und Gemüse. Doch dann lassen sich einige Spieler der deutschen Nationalelf vor dem „Wunder von Bern“ Ascorbinsäure spritzen. Was danach passierte ist ja bekannt. Außerdem predigte der Chemiker und Friedensnobelpreisträger Linus Pauling seit den 70er Jahren die Einnahme von hohen Vitamin-C-Dosen, die die Lebenserwartung um 20 bis 25 Jahre steigern sollen. Er empfiehlt etwa 18g Ascorbinsäure pro Tag – das wären etwa 330 Orangen. Das alles trug dazu bei, dass Vitamin C bis heute als Wundermittel gilt. Inzwischen wird es ja überall in Lebensmitteln und Kosmetika zugesetzt und 110.000 Tonnen werden jährlich davon verkauft.

Allerdings konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, dass künstliches Vitamin C gegen Erkältung oder Grippe hilft. Zumal es kein Vitamin-C-Mangel in dem Sinne in unserer Industriegesellschaft gibt (wir ernähren uns schließlich nicht wie früher auf den Schiffen ausschließlich von Pökelfleisch und Zwieback). Bei Erkältung ausreichend Obst und Gemüse zu essen reicht völlig. Die enthalten nämlich noch ganz viele andere Stoffe, die in Kombination dem Körper sehr gut tun. Ansonsten hilft übrigens einfach mehr Schlaf und Bewegung an der frischen Luft, wenn wir uns kränklich fühlen. Tja, so einfach kann es sein…

Zu dem Thema ist in diesem Jahr ein sehr interessantes Buch erschienen: [www.amazon.de]

Ein Artikel desselben Autors: [www.zeit.de]

Videobeitrag der Landesschau Baden-Württemberg: [www.ardmediathek.de]

Foto: manwalk / www.pixelio.de
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kruemel

kruemel

Alter: 36 Jahre,
aus Südhessen
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Kommentare

02.10.2009 00:43 JaguarE
klipp und klar geschrieben
Danke für die ausgezeichnet gut recherchierte Info
02.10.2009 13:43 kruemel
JaguarE schrieb:
klipp und klar geschrieben
Danke für die ausgezeichnet gut recherchierte Info


Danke für den netten Kommentar
05.10.2009 11:06 Eugenius
Viele dieser sogenannten Wundermittel helfen WIRKlich nur der Industrie, welche sie herstellen.
Ein sehr informativer Bericht.
LG.
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