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Erlebtes

(7 Einträge)

77 mal angesehen
05.10.2009, 17.31 Uhr

Es war einmal...

"Ham's scho g'hört ?!..." flüsterte aufgeregt im Beichtstuhltenor eine Minderheit über ein auftauchendes Gerücht. Nachdem lange genug darüber gemunkelt wurde, sickerte allmählich die Wahrheit immer mehr durch, bis schließlich nach Anrücken von schwerem Gerät wie Bagger, Lastkippwägen, Abräumraupen und Abrissbirne auch dem Letzten die Illusion einer Begnadigung seines Wohnviertels genommen wurde.
Die Stelle an der einst meine Wiege stand, wird dem Erdboden gleich gemacht.
Die altmodischen unrentablen Gebäude müssen einer zeitgemäßen gewinnbringenden Architektur weichen.
Sechsundsiebzig Jahre hielten die Gemäuer jedem Ansturm stand und beherbergten zahlreiche Familien in überwiegend schlechten Zeiten. Die Wohnungen dieser Siedlung, alle nicht größer als fünfundvierzig Quadratmeter und ohne Bäder, mussten im Schnitt zwei Erwachsenen und drei Kindern Platz bieten.
Heute unvorstellbar. Daher kann es auch gar keinen vernünftigen Einwand gegen einen Abbruch geben. Doch die Vernunft ist die eine Seite der Medaille,
die Emotion die Andere.
Trotz der turbulenten Zeit und den ärmlichen Verhältnissen, hatten wir nämlich eine ziemlich unbeschwerte Kindheit dort. Denn damals hielten sich fast alle an die goldene Regel:"Was du nicht willst..." . Wogegen heute die goldene Regel oftmals lautet:"Wer das Gold hat bestimmt die Regel."
Als nun die gewalttätige Abrissbirne und der gefräßige Bagger dem Ort wo einst unser Küchentisch stand immer näher rückte, konnte ich mich einer sentimentalen Stimmung kaum erwehren.
Erbarmungslos schlug die stählerne Faust auf das wehrlos schwache Gemäuer ein. Fast widerstandslos ließ diese sich bezwingen und stürzte unter einer letzten Staubwolke in sich zusammen.
Es war, als hätte dieser Schutt meine ganzen Kinder-und Jugendjahre unter sich begraben.
Und eine leise Wehmut zauberte mir die erste Strophe der Ballade von H.Heine auf die Lippen:
" Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das geht mir nicht aus dem Sinn."



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Eugenius

Eugenius

Alter: 80 Jahre,
aus München

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Kommentare

06.10.2009 11:21 Paradiesgarten

Hart für den, der es miterleben muss !
06.10.2009 20:03 kruemel
Ich glaube, das wird fast jedem so gehen, wenn der Ort der Kindheit zerstört ist. Kann's echt nachfühlen...
06.10.2009 20:53 Hans_A_Plast
Ja, das ist hart.
06.10.2009 21:44 Eugenius
Paradiesgarten schrieb:


Hart für den, der es miterleben muss !

Ja schon, aber wer hat schon das Glück,wenigstens in seiner Geburtsstadt alt zu werden
LG.
06.10.2009 21:49 Eugenius
kruemel schrieb:
Ich glaube, das wird fast jedem so gehen, wenn der Ort der Kindheit zerstört ist. Kann's echt nachfühlen...

Danke! Ich hab mich damit abgefunden, dass alles auf dieser Welt vergänglich ist.
LG.
06.10.2009 21:55 Eugenius
Hans_A_Plast schrieb:
Ja, das ist hart.

Ist wohl wahr. Aber täglich verlieren Menschen irgendwo auf der Welt noch vie viel mehr.
Trotzdem danke für das Mitgefühl.
LG.
07.10.2009 10:28 Paradiesgarten
Eugenius schrieb:
Danke! Ich hab mich damit abgefunden, dass alles auf dieser Welt vergänglich ist.
LG.


Man kann wirklich nichts mitnehmen, das ist wohl wahr !
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