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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Wies`n-Dirndl
125 mal angesehen
12.10.2009, 18.50 Uhr

Wies`n-Dirndl - ein soziologisches Phänomen

Nun ist das Oktoberfest gut eine Woche lang vorbei - und Banausen wie ich freuen sich darüber. Ich hatte ja schon vor einem Jahr darüber berichtet, wie sehr mir diese Landhaus-Mode allüberall auf den Zeiger geht und dass mir so etwas Unzusammengehöriges wie Dirndlschürzen mit Totenkopf-Motiv fast seelische Qualen bereitet. Wenn man im Berchtesgadener Land aufgewachsen ist und es zur grundlegenden "Styleberatung" seit Kindergartentagen gehörte, echte Dirndl von "Preuss`n-G`lump" und Tracht von Alltags"G`wand" zu unterscheiden ... da ist man für Trachten-Crossover meistens versaut. Seit diesem Jahr aber kam eine neue Qualität im Wies`n-Lifestyle dazu. Zum einen gab es in meiner Wahrnehmung im letzten Jahr noch viele wie mich, die schimpften und motzten über das Rüschenzeugs und die rotkarierten Hemden. Heuer war fast die ganze Stadt in Dirndl und Lederhos`n, wobei die Motzer deutlich weniger wurden. Es mache ja gar nichts, wenn hier experimentiert werde, sagten die, die vor 12 Monaten auch noch die reine Lehre vertraten. Es sei doch im Gegenteil ein lebendiger Ausdruck regionaler Besonderheiten, die die ganze Welt liebt. Stimmt schon, ob Japaner, Neuseeländer oder Italiener, Landhaus-Outfit muss sein. Als ich gerade dabei war, das ganze wie Fasching zu finden, begann der Fasching in der zweiten Wies`n-Woche tatsächlich. Ich entdeckte in den Münchner Straßen Leute mit Obelix-Zöpfen, eine ganze Truppe mit Weihnachtmann-Mützen, einen Clown, mindestens 5 Cowboys, und wie Prinzessinnen sehen sie eh alle aus, die jungen Mädchen in ihren Mini-Dirndln mit Organza-Blüschen. Irgendwer muss sich in der Jahreszeit vertan haben. Vielleicht sogar ich, wenn ich mich auf den Schimpf auf Leute wie mich einlasse, den ich im letzten ZEIT-Magazin gefunden habe. Da hat die Redaktion den besorgten "Neotraditionalistinnen und Manufactum-Kundinnen" ihren Fundamentalismus kräftig um die Ohren gehauen. Denn das Dirndl, so heißt es da, sei "schon immer ein opportunistisches Modestück gewesen, das in sich aufnahm, was der Zeitgeist gerade hergab." Als Zeugin dieser Wahrheit wird die Erdingerin Sara Nuru, ihres Zeichens Germany`s Next Topmodel" aufgefahren, die - glitzernd und glimmernd - den "Spirit of Dirndl" genau richtig erfasst habe. Das interessanteste an dem kleinen Beitrag war aber der Hinweis, dass sich eine wissenschaftliche Arbeit mit dem "Phänomen Wiesntracht" auseinandersetzt. Die Volkskundlerin Simone Egger belegt, dass das Dirndl seit 1850 eine "urban legend" ist. Endlich! Ich wusste ja, es ist ein soziologisches Phänomen. Trotzdem, ich muss jetzt schon mal tief in mich gehen. Denn die Schublade "Neotraditionalistin und Manufactum-Kundin" trifft mich schon hart .
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Philine

Philine

Alter: 62 Jahre,
aus Schönau
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Kommentare

12.10.2009 21:07 kruemel
*lacht* Gott sei Dank muss man nicht alles schön finden. Und ich finde Glitzerdirndl auch nicht gerade den Brüller...
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