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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Monopoly
71 mal angesehen
03.01.2010, 10.43 Uhr

Spielend die Welt erobern

Es hat sich ausgeweihnachtet und ausgesylvestert, fast jedenfalls. Hier in Bayern haben wir ja eine Verlängerung dieser Zeit um die Jahreswende, weil bei uns der 6. Januar, der Tag der Heiligen Drei Könige, auch ein Feiertag ist. Was heuer zur Folge hat, dass sich viele den 7. und 8. auch noch frei nehmen und es eigentlich am 11. erst so richtig wieder losgeht. Erstaunlich, dass wir Bayern trotzdem (wir haben ja noch mindestens 3 weitere Feiertage, die andere Bundesländer nicht haben) am unbeschadetsten über die Wirtschaftskrise gekommen sind, wie die Abendzeitung zwischen den Jahren titelte. Sie vergass allerdings nicht, unheilschwanger darauf hinzuweisen, dass das dicke Ende noch kommen kann. Die Konsequenz versenkter Milliarden im bayerisch-österreichischen Grenzverkehr steht definitiv noch aus.

Wie immer gehörte ein Teil meiner Weihnachtstage Neffe 1 und Neffe 2. Wenn ich bisher noch nicht wusste, dass es viel anstrengender sein kann, wenn sie nicht wie besessen mit ihren Nintendos oder sonst welchen Konsolen herumlümmeln und schwer zu weiteren Aktivitäten zu bewegen sind, weil die Spiele neu sind (was brachte das Christkind im vergangenen Jahrzehnt? Natürlich Computerspiele!), dann bin ich jetzt eines besseren belehrt. Das Christkind war es nämlich diesmal leid, nur elektronische Kostbarkeiten zu verteilen und entschloss sich - zum Teil wenigstens - Spiele zu verschenken, die man miteinander spielen muss, nicht jeder für sich allein. Also so richtig traditionell und familienaktiv mit mehreren Spielern um einen Tisch, und alle würfeln oder raten oder ziehen Karten und schließlich gewinnt einer und einer verliert. Um es kurz zu machen: Es wurde das schwesterliche Waterloo. Meiner Schwester und mir ist bis heute nicht klar, nach welchen Spielregeln man bei RISIKO andere Länder erobert. Unsere Söhne (mein erwachsener Sohn war auch dabei) mühten sich redlich, es uns zu erklären. Neffe 2 verstärkte seine Bemühungen jedesmal mit einem italienisch ausgesprochenen "Kapisch?" Neffe 2 ging die Sache ganz sachlich an und nahm die Spieleanleitung zur Erklärung zu Hilfe, wenn wir wieder nicht verstanden. Mein Sohn kramte in seinem Gedächtnis und fand dort Spielregeln dieses Spiels, die mit der Spielanleitung nicht übereinstimmten. Fazit: bis wir begonnen hatten waren wir eigentlich schon fertig. Jeder hatte ein "Mission", die nicht verraten werden durfte (oder doch? Oder sollten die Missionen doch besser wegbleiben?). Ich sollte jedenfalls Nordamerika erobern, was so ziemlich das letzte ist, was ich mir als Lebensziel vorstellen mag. Neffe 2 änderte seine Mission und eroberte (nein, befreite - das ist bei RISIKO wie im richtigen Leben das Wort für Übergriffe) lieber ganze Kontinente und als Neffe 1 uns dann erklärte, dass das alles im Endeffekt auf die "Befreiung"=Eroberung der ganzen Welt hinaus lief, gaben wir Schwestern auf. Wir sassen fassungslos vor der Begeisterung unserer Söhne für territoriale Expansionen und fragten uns, ob wir etwas falsch gemacht hatten oder ob - genauso schrecklich - nicht doch das y-Chromosom rein biologisch zu Eroberungsfeldzügen neigt. Aber es kam noch schlimmer: die neueste Version von Monopoly rundete den Spieleabend ab. Neffe 1 war die Bank und teilte generös die Millionen aus. Wir kauften Straßen und bauten Wolkenkratzer in bunte Stadtviertel und die Jungs freuten sich, wenn die Miete so hoch war, dass der Gegner nicht mehr zahlen konnte. Das ist das Spiel, kapisch!!! Ich machte die Monopoly-Erfahrung, an die ich mich aus meiner Kindheit noch erinnere: Wenn es um soviele Millionen geht, verlier ich den Überblick und dann ist eh schon alles wurscht. Dann bau ich halt ein Industriegebäude in die Altstadt für 100 Millionen. Die Vermutung liegt nahe, dass es den Leuten, die uns die größte Wirtschaftskrise seit 1929 beschert hatten, genau so ging. Nur: mir macht es dann keinen Spaß mehr. Den Finanzmanagern vielleicht auch nicht, aber da ist es bereits zu spät.
Ich weiß, ich weiß, Monopoly ist ein tolles Spiel, und die, die meinen, es sei eine Einübung in turbokapitalistisches Denken, sind entweder seit den späten 70er Jahren ausgestorben oder sie haben nicht verstanden, dass kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Spielen und Verhalten besteht. Und RISIKO ist ein hoch intelligentes Spiel und verlangt strategisches Denken, fördert oder fordert also das Gehirn. Warum man mit Gescheitheit allerdings die ganze Welt in den Griff kriegen muss, erschließt sich mir nicht. Jedenfalls: seit diesem ominösen Spieleabend sehe ich die Nintendo - Konsolen - Spielereien mit Super Mario und anderen digitalen Helden in einem milderen Licht.

Fotoquelle: rasmus, pixelio.de
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Philine

Philine

Alter: 62 Jahre,
aus Schönau
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Kommentare

04.01.2010 18:51 kruemel
Mir hat sich RISIKO auch nie so ganz erschlossen und ich habe aufgegeben die Regeln mir von meinem Mann erklären zu lassen. Er spielt dann lieber mit den andern Jungs
05.01.2010 10:58 Philine
Danke, Krümel, du bestärkst uns...
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