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Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Fasching
68 mal angesehen
11.02.2010, 18.58 Uhr

Fasching

Es ist mal wieder Fasching. Das ist in München eine irgendwie zweifelhafte Zeit. So richtig geliebt wird der Fasching nämlich hierzulande nicht (mehr). Der Münchner Faschingszug schlängelte sich am vergangenen Wochenende durch die Innenstadt - also seltsamer Weise eine Woche vor der Faschings-Hochzeit (wie die letzten Jahre auch). So richtig leuchtet mir das Timing nicht ein, zumal gleichzeitig die Sicherheitskonferenz in München war, die Stadt war also von Polizei ziemlich abgeriegelt und damit schwer zugänglich. Das hatte zur Folge, dass vergleichsweise wenige Zuschauer den Straßenrand säumten (kann man an finker`s Bildern übrigens schön sehen - servus finker). Aber genau betrachtet machen die es ja aus, die "Maschkerer", die den Faschingszug begleiten, den Verkleideten auf den Wagen zujubeln, sich mit Guatln bewerfen lassen und Handküsse der karnevalistischen Schönheiten empfangen. Und so muss man sich den heurigen Fasching eher so vorstellen: schlechtes Wetter, wenig Leute, viel Polizei, Stimmung angestrengt. Ich erinnere mich an einen Münchner Faschingssong aus den 60er Jahren, in dem ein ganz und gar gelangweilter Faschingsbesucher monoton und mit vor Drögheit gaaaanz laaaang gezogenen Vokalen ein Zweiton-Lied von sich gibt: "Faaaaasching, Faaaaasching, Faaaaasching is jetzt überoi(überall), Faaaaasching, Faaaaasching, des is a faaaader Boi (Ball).
Dabei war das durchaus mal anders. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts war München die Kultstadt der Faschingsbälle schlechthin, da feierten vor allem die Künstler legendäre Faschingsbälle, wobei das Verkleiden selbst schon eine Kunst war und die Freude und die Lust daran riesengroß. Selbst in den Nachkriegsjahren bis in die 60er Jahre hinein war Fasching ein richtiges Thema. Ich vermute ja, dass das etwas mit Zwang, strengen Regeln und Disziplin zu tun hat. Der Fasching (ursprünglich die Vertreibung der Wintergeister) wurde irgendwann einmal zum zeitlich begrenzten anarchischen "über die Stränge schlagen". Im Fasching wurde selbst in den prüden 50 und frühen 60er Jahren die Sexualmoral außer Kraft gesetzt, da durfte passieren, was sonst nicht sein durfte. Da wurden die Geschlechterrollen ausgehebelt, z.B. am Weiberfasching am Donnerstag vor den Faschingstagen. Da machten sich die verkleideten Damen mit Scheren über die Krawatten der Herren - vornehmlich der mächtigen (Stadtrat usw.) - her und schnippelten sie ab. Man muss kein Psychoanalytiker sein, um darin einen Kastrationsakt zu sehen. Jeder durfte in eine andere Rolle schlüpfen, Brave wurden zu Teufeln und Vamps, Buchhalter zu Indianern, Beamte zu Seebären, Schöne zu greislichen Hexen und Wissenschaftler zu Märchenfiguren. Jeder durfte mal aus seiner Facon und ein anderer sein - und wenn dann am Aschermittwoch alles vorbei war, ging der Alltag wieder los - aber man hatte sich jedenfalls mal ausgetobt.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum der Fasching nicht mehr so richtig zieht (außer bei einigen eingefleischten Faschingsfans, die immer noch von weit her anreisen, um auf die Münchner Faschingsbälle zu gehen, wie man mir glaubhaft versicherte). Feiern kann man das ganze Jahr, was man ist, interessiert sowieso keinen, außerdem ist eh alles erlaubt, man muss also nicht ausgerechnet im Februar über die Stränge schlagen - und so fehlt halt der Faschingsthrill. Wieso die in Düsseldorf und Köln aber immer noch wie die Besessenen Karneval feiern? Vielleicht stimmt meine Theorie doch nicht...

Fotoquelle: S. Hainz, pixelio.de
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Philine

Philine

Alter: 62 Jahre,
aus Schönau
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Kommentare

11.02.2010 19:14 finker
Bin motiviert ...und stell' ein paar Buidln nach.
Dir Philine ein "Faaaaasching".
Finker
11.02.2010 19:32 Philine
Danke, finker, freu mich auf die nächsten Bilder...
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