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Kirchenneubau Frau mit Gebetsstock Devonalienladen
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01.04.2010, 09.12 Uhr

Äthiopisch-orthodox

Äthiopien wurde vom 4. Jahrhundert an christianisiert. Heute gehören 40% der Bevölkerung der äthiopisch-orthodoxen Kirche an.
In Adama dominiert ein riesiger Kirchenneubau das Stadtbild. Diese neue Kirche ist noch nicht fertig. Eine bescheidenere Kirche befindet sich dahinter. Die Gläubigen versammeln sich zum Gottesdienst nicht in der Kirche, sondern auf dem Kirchhof (hier wörtlich zu verstehen). Dort sind steinerne Bänke aufgestellt, auf der einen Seite für die Frauen, auf der anderen für die Männer. Es ist ein schönes Bild, das sich dort bietet. Die Frauen und auch die alten Männer hüllen sich in weiße Tücher mit farbigen Bordüren. Wenn sie den Kirchhof betreten, verbeugen sie sich, knicksen oder werfen sich der ganzen Länge nach in den Staub (auch wörtlich zu verstehen), sie knien auf dem Podest der Kirche, küssen den Boden, die Kirchentore, die Heiligenbilder an den Mauern, werfen sich nieder, knicksen und verbeugen sich immer wieder. Frauen verharren lange Zeit reglos auf den Bänken. Wenn zwei Frauen sich begegnen und umarmen, muss ich immer an Gemälde von Maria und Elisabeth denken.
Neben mir breitete eine alte Frau mit gichtigen Händen einen kleinen Teppich vor ihrer Bank aus und beschwerte ihn mit Steinen. Nach einigen Verbeugungen kauerte sie sich auf den Teppich. Als ein Priester vorbeikam, stand sie behend auf ihren Beinen und ließ sich segnen. Später stand sie wieder auf, hielt ihre Handflächen schalenförmig nach oben und murmelte Gebete, wobei sie sich immer wieder leicht verneigte. Ich hatte in einem Devotionalienladen Heiligenbildchen gekauft, um Kleingeld für Bettler zu haben. Als die Frau neben mir wieder auf ihrer Bank saß, schenkte ich ihr eines davon. Sie verneigte sich und lächelte mich an, in ihrem Mund fehlten die Schneidezähne. Sie hielt das Bild eine Weile auf ihrem Schoß und betrachtete es andächtig. Dann holte sie unter ihren Tüchern ein Taschentuch hervor und knüpfte das Bild sorgfältig hinein.
Man darf auf dem Kirchengelände nicht fotografieren, ich würde es auch nicht gerne tun. Aber ich bedaure es auch. Denn die reglosen Frauen auf den Bänken unter den Schirmakazien wirken sehr malerisch.
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Rosalie

Rosalie

Alter: 75 Jahre,
aus Frankfurt

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