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Learning to Bee

Anfängersorgen und Altlasten der Imkei (39 Einträge)

Anfang April - Blick auf Waben aus dem Volk III Wachsanalyse Hohenheim
817 mal angesehen
05.06.2010, 19.43 Uhr

Anfängersorgen: Rückstände in Honig und Wachs

Rückstände - ein Selbstversuch
Im April 2010 habe ich sowohl eine Honig- als auch eine Wachsprobe zur Analyse an die Uni Hohenheim eingeschickt. Ich wollte wissen, was in unseren Bienenprodukten - außer Bienenprodukt - so drin ist. Dafür musste ich 500 Gramm Honig in einem gut verpackten Glas und 100 Gramm Wachs in einer luftdichten Verpackung opfern. Die Honig-, wie auch die Wachsprobe habe ich dem laufenden Betrieb unserer Imkerei entnommen. Beides habe ich auf Rückstände von Varroabehandlungsmitteln, Wachsmottenbekämpfungsmitteln und Pflanzenschutzmitteln testen lassen. Eine Analyse auf Insektensprays wie Deet habe ich nicht machen lassen, da wir solche Sprays nie verwendet haben. Die Analysen kosten in Hohenheim je ca. 108 Euro. Die Honiganalyse kann ich über ein Förderprogramm und zu 75% abrechnen. Wer Interesse hat den eigenen Honig untersuchen zu lassen, wendet sich am besten an den lokalen Imkerverein, dieser erhält einmal im Jahr eine bestimmte Anzahl „Berechtigungsscheine“ für vergünstigte Analysen. Die Wachsanalyse muss man allerdings selbst zahlen. Im Oktober 2010 habe ich schließlich als Rückerstattung für die Honiganalyse knappe 70 Euro erhalten.

Rückstände - die Ergebnisse
Die Ergebnisse für Honig und Wachs sind mittlerweile eingetroffen. Im Honig waren als einziger Rückstand Spuren von Coumaphos* in Höhe von 5,8 ppb*** nachweisbar.
In der Wachsprobe gab es auch nur einen einzigen Rückstand von Fluvalinat** in der Höhe von 5,1 Milligramm pro Kilogramm. Spuren von Coumaphos konnten im Wachs nicht gefunden werden.

Zumindest der Coumaphos Rückstand wundert mich nicht: Verwendet haben wir in unserer familiären Imkerei über lange Zeit Perizin, und zwar seit Markteinführung 1984. Soweit ich das rekonstruieren kann, haben wir dabei immer mit einer geringeren Dosierung als vorgeschlagen gearbeitet. Imker sind halt Sparfüchse, aber die Behandlung hat trotz allem funktioniert. Seit ein paar Jahren verwenden wir Oxalsäure für die Winterbehandlung. Seit jeher haben wir auch einen eigenen Wachskreislauf: Wir schmelzen alte Waben sowie Entdeckelungs- und Baurahmenwachs ein und machen daraus neue Mittelwände. Überzähliges Wachs wird zu Kerzen verarbeitet. In wenigen Fällen nutzen einige andere Imker des Vereins unsere Apparaturen, so dass in geringen Mengen auch deren Wachs in unseren Kreislauf kommt. Wir kaufen also kein Wachs zu - und beim Ausschmelzen haben wir bisher nicht zwischen dem Wachs alter Waben und Entdeckelungswachs getrennt, es landet alles im selben Wachstopf.

Deswegen war ich vor allem auf die Coumaphos Rückstände gespannt: Laut Analysebericht liegen die bei uns bei 5,8 ppb. Ich hatte eigentlich höhere Werte erwartet - auch im Wachs. Nicht erwartet hatte ich, dass im Wachs kein Coumaphos aber dafür Fluvalinat Rückstände zu finden sind. Soweit ich mich erinnern kann, haben wir Präparate mit Fluvalinat nie in unserer Imkerei verwendet. Es handelt sich also entweder um einen wirklich alten Wachsblock von vor meiner Zeit, den wir dieses Jahr für Mittelwände verwendet haben, oder die Rückstände sind auf die Einflüsse des Wachses anderer Imker zurückzuführen. Ich tendiere eher zur ersten Erklärung.

Rückstände - Ratlosigkeit
Jetzt habe ich zwar zwei Werte und viele werden zu recht sagen, die sind zu hoch, Coumaphos- oder Fluvalinatrückstände sollten nirgends drin sein. "Zu hoch" hilft mir aber wenig weiter, Bienen, Beuten und Waben sind eben nun einmal da, deswegen habe ich mir die Mühe einer Kontexteinschätzung gemacht: In wie guter oder schlechter Gesellschaft befinde ich mich als Ex-Perizin Imker? Dazu habe ich die Jahresberichte der Uni Hohenheim zu Rate gezogen. Sie sind sicherlich nicht repräsentativ, dazu ist die Zahl der analysierten Proben zu gering, nicht alle Imker werden getestet, wahrscheinlich schicken eher verantwortungsbewusste Imker ihren Honig und ihr Wachs zum testen, die schwarzen Schafe kommen so gar nicht in den Blick, und dazu testen auch noch andere Institute Honig und Wachs auf Rückstände. Aber - etwas erfährt man doch:

Jahresbericht 2009: Honig: 2.022 Proben in Rückstandsanalyse; 12,6 % mit Perizin Rückständen davon 15 mit erhöhten Werten von über 10 ppb und einer mit 165 ppb, bei knapp 17 Honigen andere Rückstände. Wachs: Rückstände von Perizin bei 12,5% der Proben, Rückstände von Fluvalinat bei 7% der Proben, beides mal im Bereich zwischen 0,5 und 18 mg/kg.
Jahresbericht 2008: Honig: 2.496 Proben in Rückstandsanalyse; 6,8 % mit Perizin Rückständen davon 24 mit erhöhten Werten von über 10 ppb, bei knapp 17 Honigen andere Rückstände. Wachs: Rückstände von Perizin bei 11,3% der Proben, Rückstände von Fluvalinat bei 12,2% der Proben, beides mal im Bereich zwischen 0,5 und 10 mg/kg.
Jahresbericht 2007: 2.440 Proben aus Rückstandsanalyse; 20,3 % mit Perizin Rückständen davon 22 mit erhöhten Werten von über 10 ppb, bei knapp 17 Honigen andere Rückstände. Wachs: Rückstände von Perizin bei 35,7% der Proben, Rückstände von Fluvalinat bei 9,2% der Proben, beides mal im Bereich zwischen 0,5 und 10 mg/kg.
Jahresbericht 2006: Honig: 2.610 Proben in Rückstandsanalyse; 14,6 % mit Perizin Rückständen, bei knapp 30 Honigen andere Rückstände. Wachs: Rückstände von Perizin bei 33% der Proben, Rückstände von Fluvalinat bei 15% der Proben, beides mal im Bereich zwischen 0,5 und 10 mg/kg.

Laut den Jahresberichten sind bei Coumaphos Werte über 10 Mikrogramm/Kilogramm durch vorschriftsmäßige Behandlung nicht zu erreichen. Früher mal war der zulässige Höchstwert von Coumaphos im Honig bei 10 Mikrogramm, aktuell ist er bei 100 Mikrogramm angesiedelt. Bei uns sind es 5,8 Mikrogramm.

Rückstände - Gute und schlechte Imker?
Über 81 000 Imker gibt es laut DIB in Deutschland und von denen senden im Schnitt grad mal 100 Personen pro Jahr eine Honigprobe freiwillig nach Hohenheim ein. Das finde ich erstaunlich. Anzunehmen ist aber, dass es wohl eher die verantwortungsbewussten Imker sind, die ihren Honig analysieren lassen. Von den an die 2000 Proben kommen jedes Jahr die Hälfte aus Honigprämierungen und von Einzelimkern bzw. Imkerverbänden, die andere Hälfte sind Marktproben des DIB - die sind dann unfreiwillig, aber Imker, die frei verkaufen, werden sich wohl auch an den Marktkontrollen orientieren. Von den Imkern, die ihren Honig analysieren lassen, haben also zwischen 6 - 20% Rückstände von Coumaphos. Aber nur sehr wenige Imker lassen ihren Honig pro Jahr testen. Kann man also davon ausgehen, dass eigentlich wesentlich mehr Honige mit irgendwas belastet sind? Ich nehme das mal an.

Insofern kann ich für mich zweierlei festhalten:
Ich bin ein schlechter Imker, denn ich habe Rückstände von Coumaphos in meinem Honig und von Fluvalinat in meinem Wachs. Relativierend gesehen bin ich aber keiner der schlechtesten Imker, denn immerhin sind meine Rückstandswerte unter der früher einmal zulässigen Höchstgrenze von 10 ppb für Coumaphos.
Aber ich bin auch ein guter Imker, denn ich gehöre zum wirklich kleinen Kreis jener (Freizeit)Imker, die ihren Honig tatsächlich freiwillig untersuchen lassen - Transparenz ist der erste Schritt zur Verbesserung.

Rückstände - Was tun?
Was macht man aber nun, da man weiß, dass man Rückstände hat, die aber in Anbetracht der langen Zeit in der wir Perizin verwendet haben und auch mit Blick auf die allgemeine Rückstandslage - noch nicht so dramatisch sind: Alles raus aus den Völkern? Waben und Wachs vernichten oder bestenfalls zu Kerzen machen? Radikal umstellen auf einen eigenen Wachskreislauf? Nur noch Biowachs kaufen?
Aus meiner Sicht kann das nicht die Lösung sein. Einmal habe ich gar nicht genügend Ersatzrähmchen in allen unseren Maßen, um gleich auf sauberes Wachs umzustellen. Neues Wachs müsste ich auch erst einmal kaufen. Rückstandsfreies Wachs oder Biowachs ist teuer und das Geld für neue Mittelwände, um über 50 Völker neu einzuwachsen haben weder ich noch meine Imkerfamilie. Dazu kommt mein Misstrauen gegenüber dem "Bio" und "Öko" Bereich. Beide Bezeichnungen sind Marken, mit ihnen kann man Geld verdienen. Wo man Geld verdient, rückt oft Gewinnmaximierung und manchmal auch Aufwandsminimierung in den Vordergrund. Wo also "Bio" und "Öko" draufsteht ist genauso Kapitalismus drin, wie auch überall sonst. Was dann im Produkt, das man kauft drin ist, weiß also niemand letztlich genau. Ich kann nicht jede gekaufte Charge Wachs kontrollieren. Dazu habe ich auch keine Lust irgendjemandem rückstandsfreies Wachs abzukaufen, der dieses z.B. aus Afrika importiert. Ich möchte selber wissen, woran ich bin. Deswegen bleibt mir wohl nur der Weg einer langsamen Umstellung.

Einmal kann ich in Zukunft darauf achten, dass unsere Mittelwände (gerade für den Honigraum) nur noch aus Entdeckelungswachs und Wachs von Baurahmen bestehen. Das ist einfach, denn ich muss diese beiden Wachstypen einfach nur sammeln und dann getrennt vom anderen, alten Wachs ausschmelzen, zu Wachsblöcken und später zu Mittelwänden weiterverarbeiten. Da wir gegenwärtig mit Ameisensäure und Oxalsäure arbeiten, dürfte dieses Wachs auch keine Rückstände mehr haben. Da die Zeit der Honigernte noch ansteht, kann ich diesen Plan gleich umsetzen. Ich werde wahrscheinlich dann nächstes Jahr noch altes Wachs beimischen müssen, um genug für die Mittelwände zu haben, aber immerhin bin ich damit schon auf dem Weg der Rückstandsreduzierung. Über die Jahre hinweg, müsste sich so eine deutliche Verbesserung einstellen.
Zweitens dazu kann ich auch darauf achten, dass das Wachs der richtig alten Waben, die ausgeschmolzen werden, nicht zurück in den Kreislauf kommt, sondern peu a peu wirklich aussortiert wird, und sich als Problem - etwa in Form von Kerzen - dann irgendwann in Luft auflöst.
Drittens kann ich dafür sorgen, dass im Honigraum nur noch Mittelwände des ausgewählten Wachses landen und auch keinerlei ein- oder zweijährige alte Waben mehr. In Anbetracht dessen, dass unser Wachs keine Coumaphos Rückstände hat, lassen sich die Coumaphos Spuren im Honig eigentlich nur durch umgetragenes Futter oder durch alte, bebrütete Waben im Honigraum erklären. Beides lässt sich vermeiden.
Viertens schließlich - und fast am einfachsten - kann ich kein Perizin mehr verwenden. Sollte ich es doch verwenden wollen oder müssen, kann ich auch hier darauf schauen, dass das Wachs der mit Perizin behandelten Völker nicht mehr im Wachskreislauf landet.

Letztlich also keine ideale Lösung, sondern eine pragmatische. Aber auch in den nächsten Jahren habe ich ja die Möglichkeit meinen Honig und mein Wachs testen zu lassen, um den Erfolg meiner Maßnahmen zur Rückstandsreduzierung beobachten zu können. Anders als viele Bekenntnis-Imker, die zwar über Rückstände schimpfen aber die eigenen Produkte nicht untersuchen lassen, habe ich dann zwar noch für einige Jahre Rückstände, aber auch das gute Gewissen, um das Problem aus sicherer Hand -nämlich meiner eigenen - zu wissen und an der Lösung des Problems zu arbeiten, ganz ohne Wachs aus Afrika.


* Coumaphos ist der Wirkstoff im Präparat Perizin. Dieses wird zwar noch verwendet, aber in Bayern nicht mehr gefördert.
** Fluvalinat war als Wirkstoff in den Präparaten Klartan/Apistan enthalten. Beide werden nicht mehr verwendet.
*** 1ppb entspricht 1 Mikrogramm pro Kilogramm

Wie sind Rückstandsanalysen zu bewerten:
[www.diebiene.de]
Rückstände von Perizin:
[www.diebiene.de]
Homepage der Uni Hohenheim – Jahresberichte:
[bienenkunde.uni-hohenheim.de]
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Austeja

Austeja

Alter: 38 Jahre,
aus Rosenheim

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Kommentare

05.06.2010 23:02 Bienenfreund
Ein super Beitrag. Wenn alle so ehrlich wären. Warum werden Wachsanalysen nicht vom LV gefördert? Du wirst "die Chemie" schon rausschaffen.
Viel Erfolg wünscht Bienenfreund
08.06.2010 20:06 Heckenimker
Einiges davon mir aus der Seele gesprochen. Bewundernswerter Aufwand um darüber zu berichten was nicht ganz so erwünscht scheint. Wünsche Erfolg beim sich “herrauschleichen“ aus den Rückständen, den guten Gaben unserer / nicht-unserer Chemieindustrie.
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