Zur mobilen Version wechseln »

Die Tücken des Alltags

(44 Einträge)

Saalach bei Wals
129 mal angesehen
16.06.2010, 17.50 Uhr

Von den Ösis lernen

Vielleicht nehme ich ja wieder mal selektiv wahr, aber in den letzten Jahren wachsen mir die Österreicher immer mehr ans Herz. Kaum radelte ich von Mitterfelden aus einen Kilometer an die Saalach, schon war ich über einen schmalen Steg in Österreich angekommen, in den Salzburger Vororten Siezenheim und Wals. Was mir bei den Nachbarn sofort auffiel: An jeder Ecke prangt eine Werbung der Kronen-Zeitung (nun ja, da hält sich die Begeisterung in Grenzen), jedes Gewerbe betont seine umweltschonenden Komponenten, von der Heiztechnik bis zum Bau, und alle 100 Meter lockt ein Taferl die Saalach-Radler in das nächste Kaffeehaus. So mag ich das. Kaffeehäuser sind mein Leben. Also hab ich eines nach dem anderen abgegrast. Handgebackene Kuchen mit phantasievollen Namen (z.B. der Indianer, eine Art Windbeutel mit Schokoglasur), aufmerksame Bedienungen, topsaubere Toiletten, auf den Speisekarten Betonung von Zutaten aus regionalem und/oder biologischem Anbau. Selbstverständlich sei es, hat mir mein Sohn erklärt, der kürzlich seinen Wohnsitz von Berlin nach Wien verlegte, dass man beim Einkauf regional erzeugte Produkte erhält. Es ist die Regel, nicht die Ausnahme. Man muss nicht mühsam Bauernmärkte recherchieren, die dann aber nur an einem bestimmten Wochentag hier oder da sind. Regionales Essen bestimmt in Österreich den Konsum auch in den Städten. Es ist teurer, gewiss, sieht man mal von dem grundsätzlichen Wahnsinn ab, dass es billiger ist, Produkte aus fernen Ländern zu konsumieren als die der Region. Aber es ist eben eine Frage der Haltung, die eine Gemeinschaft von Menschen ihren "Lebens"-Mitteln gegenüber hat. Die ihre scheint den Österreichern wirtschaftlich und sozialpolitisch ganz gut zu bekommen, vergleicht man es jetzt mal mit unserem derzeitigen - fehlenden - Krisenmanagement. Sie steigen auch sichtlich in der Achtung der deutschen Nachbarn im "kleinen Grenzverkehr". In Berchtesgaden, gleich gar in Freilassing, praktisch vor den Toren Salzburgs, galten die Österreicher eigentlich immer als furchtbare Autofahrer und als ebenso furchtbare Schmäh-Erzähler. Lange Zeit war das einzige, was an den Österreichern geschätzt wurde, ihre Werbung (da waren die immer schon mutiger und humorvoller), Ö 3, der geniale Radiosender (der einzige, der die Musik spielte, die angesagt war), und natürlich ihr 80 prozentiger Stroh-Rum. Zu allem Übel kamen die Nachbarn auch noch über die Grenze nach Deutschland, um dort im Berchtesgadener Land in den touristisch unglaublich überlaufenen Sommermonaten mit Jobs ihr Budget aufzubessern. Sie verkauften Eis am Königssee und kellnerten in den Touristenhochburgen. Und heute? Heute ist es umgekehrt. Jetzt fahren die Deutschen zur Aufbesserung ihrer Finanzen im Sommer ins Salzkammergut, an Mond- und Mattsee, um dort ein paar Euros zu verdienen und machen gleichzeitig Jagd auf die billigsten Lebensmittel bei Lidl & Co.
Sie machen irgend was besser als wir, die Österreicher...

Fotoquelle: rene fais, pixelio.de
offline

Geschrieben von

Private Nachricht schreiben »

Philine

Philine

Alter: 63 Jahre,
aus Schönau

Schlagwörter

lebensmittel, österreich, privater konsum, regionale produkte, regionalität, saalach

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

16.06.2010 18:09 Echinacea83
Danke für den tollen Bericht!
Ich glaube, wenn ich besser mit den Österreichern klar käme, wäre ich in Anbetracht des Konsumverhaltens auch schon längst dort
17.06.2010 09:08 himbeerbaer
Wie wahr. Dieses verbreitete, regional-unterstützende Konsumverhalten auf nachhaltiger Basis ist mir auch schon aufgefallen. Da können wir (auch wenn wir das gar nicht gerne sehen ) uns noch eine Scheibe abschneiden!
17.06.2010 10:55 Paradiesgarten

Wir unterstützen die regionalen Produkte ja regelmäßig, wenn wir wieder auf unsere Hütte im Salzburger Land fahren.
Tipp für iPhone-Benutzer: Du kannst alle Kommentare durchblättern, indem du zwei Finger zum Scrollen verwendest.
Zum Seitenanfang