Zur mobilen Version wechseln »

Das Leben eines Krümels

(548 Einträge)

Nordsee-Impressionen
35 mal angesehen
17.08.2010, 18.18 Uhr

Glück total

Irgendwie kommt man um das Thema inzwischen nicht mehr rum. Egal wo man hinschaut, gibt es zahllose Bücher, Fernsehsendungen und Internet-Beiträge zu dem Thema. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass seit der Wirtschaftskrise viele Menschen erschrocken festgestellt haben, dass Geld nur scheinbar Wohlstand und Zufriedenheit beschert – es kann nämlich auch ganz schnell wieder weg sein und es bleibt im schlimmsten Fall nur eine dumpfe Leere. Dann besinnt man sich wieder auf die immateriellen Dinge, die das Leben schöner machen und ihm einen Sinn geben. Ob das jetzt nun genau so passiert ist oder nicht, sei mal dahin gestellt. Aber die gesellschaftliche Tendenz sich damit zu beschäftigen, wie man in diesem Leben (möglichst einfach und schnell ) glücklich wird, ist ganz eindeutig da.

Und ich will mich da auch gar nicht unbedingt rausnehmen. Das Streben nach Glück gehört wohl zu jedem Menschen. Nur scheinbar haben viele in unserer Gesellschaft so den Bezug zu sich verloren, dass sie ihn Ratgebern nachlesen müssen, wie das eigentlich funktioniert. Glück wird als Schulfach eingerichtet, Glück wird sogar seit ein paar Jahren gründlich erforscht, um danach internationale Rankings zu erstellen. Da kann dann jeder schauen, wie glücklich sein Land eigentlich ist.

Wir Deutschen stehen da immer erstaunlich weit unten, obwohl es uns global gesehen finanziell sehr gut geht. Aber Wohlstand bedeutet ja nicht automatisch Glück. Da hat vor allem mit Gewöhnungseffekten und dem Drang zu tun, sich mit anderen Menschen in seiner Umgebung zu vergleicht. Der Anspruch steigt immer weiter, und diesen zu erfüllen und immer weiter auf der Leiter empor klettern zu wollen kann sehr unglücklich machen.

Inzwischen gibt es sogar erste Überlegungen, den Wohlstand eines Landes nicht mehr am Bruttosozialprodukt und am Wirtschaftswachstum zu messen. Denn es ist ja die Frage, ob die Wirtschaft eines Landes immer weiter wachsen KANN und ob sich dabei grundsätzlich das Wohlbefinden der Einwohner verbessert. Der Begriff Bruttosozialglück ist dafür inzwischen aufgetaucht, der messen soll, wie gut es den Menschen geht und dessen Ziel es sein soll, dass es den Einwohner eines Landes stetig besser geht.

Bereits in den 70er Jahren hatte der inzwischen verstorbene König von Bhutan dieses Konzept erfunden. Als 2008 eine parlamentarische Monarchie eingeführt wurde, wurde auch das Bruttosozialglück als Ziel in die Verfassung geschrieben. Danach richtet sich die Politik und die Entwicklung des Landes. In Umfragen wurde bereits erfasst, wie glücklich die Bürger sind in Bezug auf: Psychisches Wohlbefinden, Zeitverwendung (also auch religiöse und soziale Aktivitäten wie Kinderbetreuung gehen in die Messungen ein), Gesundheit, Bildung, Ökologie, Lebensstandard, Gemeinschaftsleben, Kultur und Regierungsführung. Aus diesen Ergebnissen soll entschieden werden, wo die Regierung noch Verbesserungen vornehmen kann und muss.

Die Säulen, die die Rahmenbedingungen für eine gute Glücksentwicklung darstellen, sind wirtschaftliches Wachstum, Zugang zu Bildung, Schutz von Kultur und Traditionen, Schutz der Natur sowie eine gute Regierung, die nach den Grundsätzen des Bruttosozialglücks arbeitet. Weitere regelmäßige Umfragen sollen dann zeigen, ob sich das Bruttosozialglück vermehrt hat, oder nicht. Auf jeden Fall ein Regierungsansatz, der seine Bürger ernst zu nehmen scheint.

Manche bezeichnen deswegen Bhutan als das letzte Shangri-La, das letzt Paradies. Ein Land, wo materialistisches Denken noch nahezu unbekannt ist und Spiritualität eine große Rolle spielt, die Natur noch unberührt ist, wo das Glück des Menschen an erster Stelle steht und nicht das Geld. Es ist auch ein Land, in dem die Jugend zwar im Ausland studiert, aber danach fast vollzählig wieder zurückkehrt.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, oder? Natürlich muss jedem klar sein, dass die meisten Menschen im Bhutan noch immer am Existenzminimum leben. Auch führt der Buddhismus, der ja das Überwinden des Leidens als zentrales Thema hat, zu einer komplett anderen Sicht auf das Leben. Wir wären unter diesen Bedingungen wahrscheinlich sehr viel unglücklicher. Auch gibt es hier durchaus dunkle Flecken in der Geschichte, als in den 80er und 90er Jahren im Rahmen einer ethnischen Säuberung tausende nepalesischer Bhutaner verfolgt und gefoltert worden sind. Ein bis heute nicht gelöstes Problem, weil es immer noch große Flüchtlingslager von vertriebenen Bhutanesen in Nepal gibt.

Also auch hier ist das Paradies weit entfernt, auch wenn sich das Land auf einem guten Weg mit einem völlig neuen Ansatz befindet, dass international durchaus Hoffnung auf ein besseres Gesellschaftssystem verbreitet. Fakt ist, dass im Bhutan sich Infrastruktur, Zugang zur Bildung und die Wirtschaft stetig verbessern. Aber ob ein Staat mit dem Ziel Bruttosozialglück langfristig überleben kann, bezweifeln natürlich die Finanzexperten. Ob es das Konzept auf westliche Staaten übertragbar wäre, ebenso. Am Ende muss die Zukunft zeigen, ob das Konzept sich bewährt, und ob wir einen Teil davon übernehmen können.

Für das eigene Leben muss wohl jeder selbst herausfinden, was ihn glücklich macht. Im Endeffekt werden wir uns nicht auf den Staat verlassen können, dass dieser uns glücklich macht. Das liegt allein in den eigenen Händen. Nach den neuesten Erkenntnissen der Glücksforschung braucht es dazu wohl funktionierende Beziehungen zu anderen Menschen, eine sinnvolle und befriedigende Aufgabe, sowie Gesundheit und ein gewisses Maß an Freiheit. Das alles können wir zu einem gewissen Grad beeinflussen, wenn wir nur aktiv werden.

Übrigens haben Wissenschaftler herausgefunden, dass wir rein biologisch gesehen gar nicht dafür geschaffen wurden, immer rundherum glücklich zu sein. Denn wenn wir in einem Bereich nicht glücklich sind, versuchen wir etwas daran zu ändern, etwas zu verbessern um unserem eigenen Glück näher zu kommen. Nur das ermöglicht Fortschritt und Entwicklung. Perfektes Glück würde Stillstand bedeuten. Ab und zu unglücklich zu sein oder mit schlimmen Ereignissen umgehen zu müssen gehört also dazu. Selbst tragische Ereignisse oder eine schlimme Kindheit können wohl trotzdem langfristig gesehen zu einem glücklichen Leben führen. Es geht immer darum wie wir damit umgehen und was wir daraus machen.

Beiträge über Bruttosozialglück in Bhutan:
[www.utopia.de]
[www.spiegel.de]
[thomas-caspari.de]
[www.probhutan.com]
[www.3sat.de]
[www.3sat.de] (Video)

Beiträge über Glück und Glücksforschung:
[diegesellschafter.de]
[www.br-online.de] (Video)
Schulfach Glück: [www.spiegel.de]
Warum Glück nicht alles ist: [www.zeit.de]

Foto: nur eine der vielen Varianten, wie ich mir Glück vorstelle
offline

Geschrieben von

Private Nachricht schreiben »

kruemel

kruemel

Alter: 37 Jahre,
aus Südhessen

Schlagwörter

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

Zum Seitenanfang