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Das Leben eines Krümels

(548 Einträge)

Arm aber Bio
78 mal angesehen
24.08.2010, 18.55 Uhr

Arm aber Bio

Kann man sich auch dann von Bio-Lebensmitteln ernähren, wenn man kaum Geld hat? Die selbständige Journalistin Rosa Wolff verlor ihren Hauptauftraggeber und sah sich selbst durch Hartz IV bedroht. Sie ist achtet selbst sehr auf Bio-Essen und gesunde Gerichte und ist durch und durch Genießerin. Sie fragte sich, ob sie sich auch weiterhin von Bio ernähren kann, wenn ihr nur der Hartz IV-Regelsatz für Lebensmittel zur Verfügung steht. Das sind gerade mal 4,35 Euro pro Tag und Person. Also startete sie einen Versuch, nur noch genau so viel Geld für ihr Essen auszugeben, aber ausschließlich Bio zu kaufen und zusätzlich die fünf empfohlenen Portionen Obst und Gemüse pro Tag zu sich zu nehmen. Darüber führte sie Tagebuch und ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch zusammengetragen und veröffentlicht.

Der erste Schritt war alle Lebensmittelvorräte wegzupacken, um bei Null anzufangen. Hartz IV-Empfänger haben ja schließlich auch keinen Weinkeller oder ähnliches. Am Anfang wurde ihr ganz schnell klar, dass das kein leichtes Unterfangen sein würde. Die ersten Tage überschritt sie regelmäßig ihr Budget. Plötzlich wurden Erdbeeren und Spargel oder auch nur ein Eis zum Luxusgut, dass sie sich nicht mehr leisten konnte.

Doch sie machte mit viel Engagement und Tüftelei weiter, bis sie es tatsächlich schaffte, das Budget einzuhalten. Natürlich ging das nur mit radikalen Einschnitten. Selbst einen Pfefferminztee am Abend war manchmal einfach nicht mehr im Budget drin. Die zwei Grundregeln, um im Preislimit zu bleiben waren:
1. Preise vergleichen, Bio bei Aldi muss nicht zwangsweise billiger sein als Bio im Naturkostladen. Da hilft nur immer wieder informieren und nachforschen.
2. So viel wie möglich selber machen. Egal ob Kekse oder Nudeln. Fast alles ist billiger selbst gemacht. Dafür muss man natürlich wenigstens einigermaßen kochen können.

Fleisch gab es natürlich nur selten, maximal einmal die Woche - vor nur wenigen Jahrzehnten war das ja auch durchaus noch normal. Außerdem kaufte sie möglichst saisonal, denn Lebensmittel der jeweiligen Jahreszeit sind dann am billigsten. Preiswerte Gemüse wie Kartoffeln, Kohl, Möhren, Zwiebeln oder standen neben sättigenden Beilagen wie Nudeln oder Reis meistens auf dem Tisch. Daraus trotzdem abwechslungsreiche Gerichte zu zaubern war nicht immer leicht. Zumal viele Sachen wie frische Kräuter, Kapern, Nüsse oder Oliven, die ein Gericht aufpeppen oder einen exotischen Hauch verleihen, sehr teuer und bei dem knappen Budget einfach nicht drin sind.

Gerade diese Kleinigkeiten – nicht Hummer oder Kaviar – hat sie in dieser Zeit vermisst. Nach einem Monat hat sie für Lebensmittel 135,74 Euro ausgegeben, also 3,03 Euro mehr, also sie zum damaligen Zeitpunkt gedurft hätte. Inzwischen ist der Hartz IV-Satz um 8 Euro angehoben worden. Sie hatte es also geschafft, wenn es auch, wie sie zugab, sehr mühselig war und strikte Planung von Einkauf und Ernährung erforderte. Auch ist sie mehr als einmal nicht richtig satt geworden.

Auf Grund des Hartz IV-Bezuges musste sich die Autorin übrigens durchaus einige Kritik gefallen lassen. Ein wenig kann ich die Klagen verstehen, ihre Aussage ist schließlich im Endeffekt, dass man sich vom Hartz-IV-Satz sogar mit dem teuren Bio ernähren kann, wenn man es nur wirklich will. Aber die Empfänger bemerken vor allen Dingen, dass alle Regelsätze so knapp bemessen sind, das bei unerwarteten Ausgaben zum Beispiel bei kaputten Haushaltsgeräten, ganz schnell der Betrag, der für Ernährung zur Verfügung steht, sinkt. Dann sind es eben über Monate hinweg noch nicht mal mehr 4,35 Euro. Wenn man viel selbst kocht und bäckt, verbraucht das weiterhin viel Strom, der heutzutage auch teuer ist. Und es ist schlussendlich etwas anderes davon einen Monat oder über Jahre davon zu leben. So fühlen sich doch viele auf den Schlips getreten und missverstanden.

Aber in einem Interview hat die Autorin sich deutlich von diesen Interpretationen distanziert und ist ebenso der Meinung, dass der Regelsatz erhöht werden muss. Sie findet, dass biologisch hergestelle Lebensmittel kein Luxus sein dürfen, sondern dass jeder Bio verdient hat, und nicht nur Menschen mit Arbeit. Menschen mit wenig Geld will sie ermutigen, Schritte in diese Richtung zu unternehmen, und nicht von vornherein Bio auszuschließen. Sie will weiterhin aufzeigen, dass sich damit auch der Normalverdiener problemlos Bio leisten kann, wenn er nur will.

Ich habe das Buch auch selbst gelesen, und es war auf jeden Fall unterhaltsam geschrieben und enthielt den einen oder anderen Tipp, denn ich noch nicht kannte. Selbst ich habe inzwischen festgestellt, dass manchmal konventionelles Gemüse im Supermarkt teurer war als das gleiche Gemüse im Biomarkt – unfassbar aber wahr. Aber auch wenn wir durchaus darauf achten, was wir kaufen und Bio und Fairtrade regelmäßig im Einkaufswagen liegt, so wäre mir persönlich dieser strikte Ansatz zu streng und der Aufwand zu hoch – zumal wir hier nicht so eine beneidenswerte Auswahl an Bioläden haben, wie Frau Wolff. Ich wage auch sehr zu bezweifeln, dass man mit Hartz IV sich auf Dauer leisten kann, nur Bio zu kaufen.

Aber das Buch richtet sich ja primär an diejenigen, die aus Überzeugung oder aus gesundheitlichen Gründen Bio kaufen MÖCHTEN, egal ob sie nun ein normales, oder ein kleines Budget zur Verfügung haben. Für diese Menschen hat Frau Wolff viele tolle Tipps und Rezepte zusammengetragen. Es muss ja nicht sofort alles Bio sein, was man kauft, es geht darum bewusst und mit offenen Blicken einzukaufen und sich vielleicht in kleinen Schritten dem Bio-Ziel anzunähern.

[www.arm-aber-bio.de]
[www.taz.de]
[www.brigitte.de]
[www.lebendigeerde.de]
offline

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kruemel

kruemel

Alter: 36 Jahre,
aus Südhessen
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Kommentare

25.08.2010 11:24 Paradiesgarten

Guter Ansatz , aber meinesartens nicht konsequent durchführbar.
25.08.2010 12:07 Darky
find ich auch gut...aber selbst ich als biobauer esse nicht 100% bio.... manche sachen gibt es nicht oder schmecken mir einfach nicht...oder sie sind schlicht zu teuer im vergleich zu konvi
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