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Das Leben eines Krümels

(548 Einträge)

Blick auf Warnemünde
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21.09.2010, 20.04 Uhr

Die Legende von Rungholt

Manchmal schau ich ja Terra X am Sonntag Abend auf dem ZDF. Das passiert nicht regelmäßig, aber wenn ich durch Zufall rausfinden sollte, dass ein interessantes Thema ansteht, bin ich am Kucken. So also auch am vergangenen Wochenende, weil es da um das „Atlantis der Nordsee“ ging. Klingt spannend, oder? Ich wusste bisher gar nicht, dass es das überhaupt gibt.

Die Legende besagt, dass es in der Nordsee auf den Halligen einen Ort namens Rungholt gab. Er soll bis zum Mittelalter existiert haben, unsagbar reich gewesen sein und in Handel mit weit entfernten Ländern betrieben haben. Doch die Einwohner werden immer zügelloser, sie trinken, stellen ihren Reichtum zur Schau und legen ein gotteslästerliches Verhalten an den Tag. Ihr Leben in Sünde bringt Gott dazu, sich zu rächen. In nur einer Nacht raste eine riesige Sturmflut über die Stadt, die darauf im Meer versank. Dort soll sie bis heute stehen…

Und weil natürlich alle Schriftstücke zu Rungholt mit untergegangen sind, gab es ausschließlich mündliche Überlieferungen rund um die sagenhafte Stadt. Schriftliche Niederlegungen entstanden erst Jahrhunderte nach der Katastrophe. Im 19. Jahrhundert wurde das Interesse an Rungholt neu entfacht. Zuerst dokumentierte Theodor Storm die Geschichte im Jahr 1872 im Rahmen einer Novelle. Dann schrieb Detlev von Liliencron im Jahr 1883 die heute berühmte Ballade "Trutz, Blanke Hans" [de.wikisource.org] über die Geschehnisse der damaligen Zeit (Mit blanker Hans ist übrigens die peitschende Nordsee bei einer Sturmflut gemeint.).

Doch entsprechen diese Aufzeichnungen überhaupt der Wahrheit? Gab es Rungholt wirklich, oder wurde im Laufe der Jahrhunderte nur fleißig gedichtet und erfunden? Lange Zeit konnte wirklich keiner Rungholts Existenz belegen. Nur der Heimatforscher und Landwirt Andreas Busch fand zwischen 1921 und 1972 südlich und westlich der Hallig Südfall Hinweise auf Siedlungen im Watt, darunter Schleusen, Brunnenringe, Deiche und Pflugfurchen. Für ihn waren das die Beweise, dass die Legende wahr ist, aber sie wurden nicht anerkannt, denn Hinweise auf die Schätze Rungholts fand er nicht.

Erst einige Jahrzehnte später, nahm sich die Wissenschaft dem Thema ernsthaft an. Der Ethnologe Hans-Peter Duerr wurde Anfang der 90er Jahre bei einem Nordsee-Urlaub vom Rungholt-Fieber gepackt. Er durchforstete alte Schriften und Karten. Rungholt wurde an unterschiedlichen Orten verzeichnet. Am Ende kam Duerr aber zu dem Schluss, dass die Stadt weiter nördlich, als von Andreas Busch angegeben, gestanden haben muss. Zusammen mit Studenten startete er Ausgrabungen und fand erstaunliches: darunter Fensterglas, Keramik, Münzen und sogar eine Amphore. Die Stücke stammen nicht nur aus der umliegenden Region sondern sogar aus dem Mittelmeerraum. Duerr schließt daraus, dass Rungholt schon damals mit dem Mittelmeerraum Handel betrieben hat.

Allerdings wurde Duerr von anderen Archäologen alles andere als ernst genommen. Seine Untersuchungen seien nicht wissenschaftlich und nicht ausreichend dokumentiert. Er musste sich sogar des Vorwurfs der Raubgrabung erwehren, denn normalerweise darf im Watt überhaupt nichts ohne Genehmigung ausgegraben werden (und die bekam Duerr natürlich nicht). Alles was dort liegt ist Eigentum des Landes Schleswig-Holstein. Auch seine Fundstücke werden nicht anerkannt, weil keine Archäologen des Landes Schleswig-Holstein zugegen waren.

Übrigens ist daraus ein richtiger Streit zwischen den Landesarchäologen und Duerr entstanden. In den Artikeln, die ich gefunden habe, erklären sie, dass Duerrs Fundort nördlich der Hallig Südfall sehr wahrscheinlich nicht der Standort Rungholts sei. Die Landesarchäologen glauben eher daran, dass die Stelle, die Andreas Busch beschrieben hat, die richtige sei. Überhaupt sind die Landesarchäologen sehr vorsichtig mit einer Einschätzung dazu, ob es Rungholt überhaupt gegeben hat (und ob es nicht nur eine Legende ist) und wenn doch, ob es wirklich so reich war. Eigentlich tendierten sie eher dazu Rungholts Reichtum ins Land der Sagen zu verbannen, es sei wennschon eher ein Fischerdorf gewesen, denn sie hatten bisher keine Fundstücke aus fernen Ländern ausgegraben. Hier mal ein paar Beispiele:
[www.nordseewolf.de]
[www.stern.de]
[www.daserste.de]
[www.spiegel.de]

Über diesen Streit habe ich erst nach der Doku gelesen, nachdem ich für den Artikel etwas recherchierte. Interessanterweise sind ausgerechnet die größten Kritiker von Duerrs Theorien die Experten der Sendung - sie werden sowohl im Beitrag als auch in den Artikeln namentlich genannt. Diese bestätigen nun aber genau eben diese bestrittenen Theorien. Ich nehme an, dass sie in der Zwischenzeit selbst neue Erkenntnisse gewonnen haben. Laut der Sendung ist die Existenz von Rungholts bewiesen, die gefilmten Ausgrabungen fanden auch deutlich nördlich von Buschs Fundort statt, nämlich Richtung Pellworm. Ebenso wurde die Aussage getroffen, dass es erstaunlich reiche Stadt gewesen sein. Zum einen wurden Aufzeichnungen gefunden, dass die Region doppelt so hohe Abgaben abführte, als Nachbarorte. Außerdem wurde von Fundstücken aus fernen Ländern erzählt, die den regen Handel mit dem Ausland beweisen (ich nehme mal an, dass in der Zwischenzeit welche von den Landesarchäologen gefunden wurden). Die Erklärung für den Reichtum: Die Rungholter sollen nämlich aus dem Torf Salz gewonnen haben, dass zur damaligen Zeit sehr begehrt war.

Zum Schluss fand man auch heraus, dass es zum angegeben Datum des Untergangs der Stadt, nämlich der 15./16. Januar 1362 tatsächlich eine Sturmflut ungewöhnlichen Ausmaßes gegeben haben muss, die bereits über Großbritannien wütete und dann über die Nordsee weiterzog. Nach mehreren Schlechtwetter-Jahren hungerten die Menschen der Region wohl bereits und vernachlässigten ihre Deiche. Als der Orkan kam, schlugen die Wassermassen so hoch, dass selbst die höher gelegenen Wohnhäuser keine Chance hatten. Hinzu kam, dass Rungholt nicht auf Fels, sondern auf Sedimentablagerungen gebaut war, die durch die Wucht der Fluten einfach weggespült wurden.

Mal abgesehen von diesen Querelen ist das ein spannendes Stück deutscher Geschichte, dass mal wieder sehr interessant aufbereitet worden ist. Wenn ihr es euch selbst noch mal anschauen wollt, hier ist es in der ZDF Mediathek zu finden:
[www.zdf.de]

[terra-x.zdf.de]
[www.planet-wissen.de]
offline

Geschrieben von

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kruemel

kruemel

Alter: 36 Jahre,
aus Südhessen
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Kommentare

30.10.2010 20:51 geli59
Gut, daß Du die Sendung gesehen hast!

grüsse geli
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