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Learning to Bee

Anfängersorgen und Altlasten der Imkei (39 Einträge)

Aufgeräumtes Bienenhaus Erbstück und Altlast Aufgeräumtes Bienenhaus
10013 mal angesehen
08.11.2010, 01.22 Uhr

Anfängersorgen: Aufräumarbeiten im Bienenhaus

Nicht mehr aufhören wollen
Nach einem Jahr Blog und etwa 18 Monaten Anfängerdasein, wird mir langsam klar, warum es nur wenige Schaffen mit der Imkerei aufzuhören: Als Hobby macht die Imkerei Spaß. Sie ermöglicht es in einem weitgehend selbstbestimmten Rahmen einer zufriedenstellenden Tätigkeit nachzugehen, die wichtig ist und dem Imker - nicht nur durch den Honigverkauf - auf sozialer Ebene einiges an Anerkennung einbringt. Die Imkerei ist ausreichend komplex, um mich nicht schon nach einem halben Jahr zu langweilen, dazu ist die Imkerei weitgehend frei von Geschlechterstereotypen: Als Imkerin kann ich tatsächlich genau das machen, was auch ein Imker macht, und anders als im realen Leben bekomme ich dafür den gleichen Lohn und die gleiche Anerkennung. Schön ist auch, dass Bienen weder beim Honigertrag noch beim Stechen differenzieren, das schafft Gemeinsamkeiten zwischen Imkerlehrling und Imkerchef und, neben der Resistenz gegen Bienengift, auch ein gewisses Selbstbewusstsein.

Nicht mehr weitermachen können
Warum andere Leute mit der Imkerei aufhören, erscheint mir vor diesem Hintergrund dagegen immer rätselhafter: Ist es die mangelnde Zeit, der Mangel an Raum oder die mangelnde Flexibilität? Oder vielleicht vielmehr der mangelnde Wille Zeit aufzubringen, Räume zu schaffen und sich auf etwas einzulassen? Aus meiner Perspektive käme Aufhören im Moment nicht in Frage: Ich habe zwar wenig Zeit, aber die kann ich mir nehmen. Ich habe auch nicht viel Platz für Imkereigerätschaften, Aufstellung und dergleichen - aber erfreulicherweise sind Magazine stapelbar. Wie auch im echten Leben ist es also sinnvoll vertikal zu denken, wenn man horizontal an seine Grenzen stößt. Und flexibel bin ich zwar bereits beruflich bis zur Überdehnung, aber warum sollte man hier nicht auch aus der Not eine Tugend machen und berufliche erzwungene Flexibilität in eigenlogisch genutzte Beweglichkeit überführen. Es kommt weniger auf die Sachlage an, sondern vielmehr wie man damit umgeht, denke ich zumindest.
Vielleicht hören andere auf, weil es ihnen mit den Bienen partout nicht gelingen will. Man ist ja doch als Imker lebenslang gefordert sich neues Wissen anzueignen. Neue Krankheiten, neue Schädlinge, neue Behandlungsmethoden - es ist ein Hin und Her an Veränderung und darauf folgender Anpassungsanstrengung erforderlich. Für viele mag das auf Dauer unbefriedigend sein. Manchen ist das die Sache wohl nicht wert, und da liegt es nahe seine Kräfte auf anderes zu konzentrieren.

Die Schwierigkeiten gemeinsam weiter zu machen?
Vielleicht haben Imker auch weniger ein Problem mit ihren Bienen als vielmehr mit anderen Imkern. In unserem Imkerverein haben wir einen geselligen, generationen- und geschlechterübergreifenden Modus guter Zusammenarbeit gefunden. Wenn man sich aber so in Imkerkreisen bewegt, dann hat man manchmal das Gefühl, dass eher die Imker stechen als die Bienen. Neben Quertreibern, Schlechtmachern, Schimpfern und Nörglern und einem, die gesamte Imkerei durchziehenden, Vielfrontenkrieg der Betriebsweisen, Bienenrassen und Beuteformen, hat mich vor allem die hohe Aggressivität zwischen den männlichen Imkern der Nachkriegsgeneration und den Imkern der nächstfolgend-jüngeren Generation überrascht. Außer, dass ich vielfach die Härte der Auseinandersetzung zwischen den (aus meiner sicht) "Nicht-ganz-so-Alten" und den Alten nicht verstehe, hat mich die fast schon fanatische Überzeugung erschreckt, mit der die "jüngere" Imkergeneration (die aus meiner Sicht ja schon wieder eine alte Generation ist) ihren Feldzug gegen die Alten führt. Oft scheint es hier nicht mehr um das Thema an sich zu gehen, sondern um intergenerationelle Vorwürfe und Konflikte, die tiefer sitzen und sich im Streit um die Imkerei nur manifestieren. Gerade weil mir der Streit und dessen Schärfe an vielen Stellen so oberflächlich scheint, finde ich ihn bedrückend. An anderer Stelle wurden ähnliche Spannungen zwischen diesen beiden Generationen gerade mit dem Blick auf den kommunikativen Umgang mit dem Thema Holocaust beobachtet*. Es deutet vieles darauf hin, dass hier Konflikte vorliegen, die sich auf der Ebene auf der sie ausgetragen werden, wohl nie gelöst werden können und vielleicht auch nicht gelöst werden wollen.

Die Einfachheit einsam weiter zu machen!
Hier ist es dann von Vorteil eine noch eher jüngere Frau zu sein, denn außerhalb der Fronten lebt es sich gemeinhin doch leichter. Ich würde zudem weder auf die breite und langjährige Erfahrungsbasis der richtig Alten verzichten wollen, noch auf ein gutes kollegiales Verhältnis mit den jüngeren Alten, egal nun ob Mann oder Frau. Sollte ich aber in vielen Jahren einmal selbst Kurse für Imker geben wollen, werde ich ihnen wahrscheinlich einen als Spiel verpackten "Kampf der Imkergenerationen" vorschalten, um diese leidliche Streiterei ironisch-kommunikativ aufzuzeigen und sie damit wenigstens in meinem Umfeld aufzubrechen. Anders als so mancher Imker, möchte ich mich im Rahmen meiner Freizeit nicht mit anderen streiten - ich bin auch mit mir allein ganz gut beschäftigt.

Gemeinsam einsam - Biographische Ausgrabungs- und Aufarbeitungsarbeiten im familiären Bienenhaus
Auch zwischen mir und meinem Imkerchef gibt es Generationskonflikte. Während andere diese Konflikte auf thematischer Ebene angehen und sich über Ansichten streiten, haben wir den Konflikt auf das Physisch-Materielle verlegt: Statt "richtig" oder "falsch" heißt es bei uns "wegwerfen" oder "behalten" bzw. "aufräumen" oder "liegen lassen". Als großer Fan des lokalen Wertstoffhofs habe ich dieses Jahr drei Bienenhäuser grundsaniert. Insgesamt dürften dabei mehr als sechs Caddy-Ladungen Sperrmüll angefallen sein. Neben alten Decken, verschiedensten Formen der Isolierung, getackerten "Völkischen Beobachtern" und Styroporplatten, mussten auch insgesamt 15 alte Trogbeuten mit Zubehör den Weg in den Exitus antreten. Weitere werden sicher folgen. Im Zuge der mehrtägigen Aufräumarbeiten haben sich aber auch eine ganze Reihe verschollen geglaubter Imkerartefakte gefunden, die bis in die Jugendjahre meines verstorbenen Großvaters zurück gehen und ein ganz neues Licht auf eine Person werfen, die ich als grantigen und oft unzufriedenen, prototypischen "Alten Sack" erlebt habe. An Kleinigkeiten wie einem hörnernen Messergriff, einem fein gearbeiteten Zusetzkäfig setzen Geschichten an, die es erlauben zu verstehen, warum der Alte so war, wie er eben war als er alt war. Es sind meist unscheinbare Dinge, die man erst beim grobschlächtigen Wegwerfen bemerkt: Die Trogbeute deren Verzinkung sich gegen den Hammer wehrt. Die sorgsam gesammelten Isolierungen aus Zeitungspapier, deren Schlagzeilen von Kriegserfolgen berichten und die durchsetzt sind von stumpfer Propaganda. Wie sie sich im Feuer auflösen und genauso im Durcheinander versinken, wie mein Großvater wohl bei seinem ersten Einsatz, als der mehrfache Vater mit einem Haufen Jugendlicher in letzter Reserve nach Osten geschickt wurde und mit knapper Not wieder zurück kam. Die Familiengeschichte berichtet, er wäre danach ein Anderer gewesen. Während die Granatsplitter nur ein paar Jahre im Körper blieben, reichen die Risse in der Familie auch nach seinem Tod bis in die heutige Gegenwart: Einzig im Bienenhaus scheint es meinem Imkerchef möglich in einem guten Ton von seinem Vater zu sprechen. Zwischen den Balken ist indes wenig Platz für Zufriedenheit und erfreuliche Erinnerungen. Aber wenig ist in machen Fällen vielleicht besser als gar keiner.

Anfängersorgen: Tabula rasa oder Freundschaft mit dem Altlasten?
Mir war das Bienenhaus am Anfang einerlei. Es hat fast ein Jahr gebraucht, bis ich schließlich die Zustimmung erhalten habe in dieser Hütte Tabula Rasa machen zu dürfen. Bezeichnenderweise war ich dabei auf mich allein gestellt. Einzig der am Ende aussortierten Materialhaufen wurde gesichtet. Einige Fundstücke hatte ich dabei bereits zu Seite geräumt. In den sich, am Abfall einiger Jahrzehnte, entzündenden Gesprächen haben sich für mich neue Perspektiven auf die Verhältnisse zwischen Großvater und Vater ergeben. Beide erscheinen mir nun als andere Menschen: Nicht so sehr Alte, sondern vor allem Menschen, die älter geworden sind, ob sie nun wollten oder nicht.
Am Ende bin ich dann doch gescheitert: Meinen Ursprungsplan alle Modelle unseres ältesten Beutentyps auszusortieren, habe ich aufgeben. Ich denke ich kann mit drei Rähmchen-Maßen in der Imkerfamilie leben. Erschreckenderweise liegt das weniger an einem Mangel an Durchsetzungsvermögen meinerseits als vielmehr an der einfachen Tatsache, dass ich selber im Prozess älter geworden bin. Würde ich jetzt die Trogbeuten meines Großvaters ins Jenseits befördern, würde auf materieller Ebene eine Generation aus unserer Imkerfamilie ausgelöscht werden. Außer dass ich dann plötzlich "älter" wäre, als mir lieb ist, müsste ich mich dann mit dem Gedanken anfreunden, dass ich bezogen auf die Hinterlassenschaften einer Vorgängergeneration die Chance vertan habe, die ich auch bezogen auf meinen Großvater habe verstreichen lassen: Mich einmal mit ihnen anzufreunden.

Einsam Anschluss finden
Immerhin verläuft das Miteinander zwischen mir und meinem Imkerchef zusehends auf gleichberechtigter Ebene. Und vielleicht weil ich das Bienenhaus nicht wie geplant vollständig vom Muff der letzten Jahrzehnte befreien konnte und dann auch nicht mehr so ganz befreien wollte, gibt es jetzt umso mehr Anschlusspunkte, an denen ich meine eigenen Marken ansetzen kann, damit dann in 50 Jahren jemand anderer etwas hat, woran er sich abarbeiten oder an das er anschließen kann.
Neben der Mithilfe in der Imkerei meines Imkerchefs, habe ich im letzten Jahr also insgesamt sieben Völker unter angeleiteter Eigenregie durchs Jahr gebracht. Neben dem Umlogieren der Völker von Trogbeuten in Magazine im Mai standen dabei alle anfallenden Sommerarbeiten, die Honigernte und die Varroabehandlung mit Ameisensäure auf dem Programm. Dabei lief vieles glatt, aber auch einiges schief. Was den Lerneffekt angeht, waren aber meist die von mir gemachten Fehler produktiver: Weitere Umsiedlungen von Völkern in Magazine werde ich in Zukunft schlauer angehen, auch bei der Varroabehandlung mit Ameisensäure muss ich vorsichtiger werden. Dazu habe ich aber im kommenden Jahr noch einiges an Gelegenheit. Und sollte ich dann anderes falsch machen, wäre das im besten Sinn eine neue Gelegenheit dazu zu lernen.
Bei einer letzten Durchschau im Oktober sah auch soweit noch alles ganz gut aus, genaueres wird sich dann im Laufe der Winterbehandlung zeigen.
Im Verlauf des Jahres habe ich insgesamt fünf Kurse zu allen möglichen Themen rund um die Imkerei belegt. Aus Spaß an der Freude habe ich dabei dreimal den recht weiten Weg nach Duisburg ins Bienenmuseum auf mich genommen, es hat sich jedes Mal gelohnt. Auch der einmalige Kursbesuch in Kirchhain ist mir noch in guter Erinnerung. Trotz aller möglichen beruflichen Unwägbarkeiten, die mich im nächsten Jahr erwarten, habe ich mich daher für den Grundkurs "Gute imkerliche Praxis" in Kirchhain angemeldet: Zum einen bin ich nur einmal im Leben Anfänger und zum anderen arbeite ich ja noch in Frankfurt, warum sollte man da das nahe Angebot nicht nutzen, vor allem wenn es gut ist.

Gemeinsam Abschluss finden
Es geht also weiter, mit mir, mit meinem Imkerchef und mit den Altlasten der Imker vor uns. "Eventually all paths will lead to the cemetery" heißt es in einem Lied. Man kann auf seinem persönlichen Weg zum Friedhof soviel altes wie neues Gerümpel mit sich herumschleppen, wie man will und dabei den eigenen Takt vorgeben. Irgendwann bleibt die Last aber am Wegrand liegen, ohne Träger. Beruhigend ist daher der Gedanke, dass sich vielleicht, nach gegangenem Weg, der eine oder andere findet, der einige Altlasten seiner Vorgänger aufgreift und ein paar Schritte weiter trägt. Das ist fast so, als könnte man selbst noch ein Stückchen weiter gehen.


*Frölich, M./u.a. (2004): Repräsentationen des Holocaust im Gedächtnis der Generationen. Zur Gegenwartsbedeutung des Holocaust in Israel und Deutschland.
Brunner, M. (2006): Schweigen die Täter reden die Enkel.
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Austeja

Austeja

Alter: 37 Jahre,
aus Rosenheim
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Kommentare

08.11.2010 13:39 pke1951
Ich denke manchmal, daß das Wort "Geschichte" weniger von "geschehen" als von den "Schichten" kommt, die sich im Laufe der Zeit übereinanderlegen. Manche dicker und schwerer, andere leichter und dünnner, aber alle bleiben erhalten und wollen entdeckt werden.
09.11.2010 09:05 finker
pke1951 schrieb:
Ich denke manchmal, daß das Wort "Geschichte" weniger von "geschehen" als von den "Schichten" kommt, die sich im Laufe der Zeit übereinanderlegen. Manche dicker und schwerer, andere leichter und dünnner, aber alle bleiben erhalten und wollen entdeckt werden.

Schöner Gedanke
11.11.2010 18:50 Kobi
eine wunderschöne Zustandsbeschreibung deiner bisherigen imkerlichen Laufbahn. Habe diese zu lesen richtig genossen.
11.11.2010 23:10 Austeja
Schichten in Interviews freilegen und Texte über archäologische Stratigraphie (also Ausgrabungen) zu lesen, ist auch mein momentaner Job. Da wird man schon manchmal philosophisch. Dann noch die richtige Musik - im Moment ist das finnischer Death Metal - und schwupps schreibt man solche Texte. Naja, schwupps ist schon etwas untertrieben, meist mach ich mir doch ne ganze Reihe Gedanken bevor ich son Text dann hier reinsetze.
Euer Lob freut mich dann schon sehr.
19.11.2010 08:03 schritte
Ein lachendes und ein weinendes Auge, so ging es mir beim Lesen. Und in sehr vielem habe ich mich wiedererkannt (auch wenn ich aus der Generation der schon mittelalten Imker komme), nur hätte ich es nicht so gut ausdrücken können. Ich hoffe, Du hast weiter viel Freude am Imkern, am Reflektieren darüber und lässt uns hin und wieder daran teilhaben.
06.12.2010 09:00 Heckenimker
Ja gekonnt ist gekonnt; und wenn sich wer Mühe gibt dann hat er (Sie!) auch was vorzuweisen.
Wirklich hervorragend weil sich im Thema auch Niicht-Imker wiedererkennen werden.

Wünsche dir im Handwerk der Bienenhalterin, dass du die gleiche Erfahrung und Sicherheit erreichts wie in den Beschreibungen und in dem Ausblick auf das Ganze.
Dann werden gar meine Nachfolgegenerationen (und die Bienen) an dir ihre Freude haben
HI
22.12.2010 01:39 Austeja
Laut George Herbert Mead - einem amerikanischen, pragmatistischen Philosophen - "existiert" die Vergangenheit nur in und nur für der Gegenwart. Ihre Funktion findet die Vergangenheit und die mit ihr verbundenen Erinnerungen vor allem darin, der Gegenwart einen Sinn zu geben.
Außerdem: Kurz vor Weihnachten - 601 Klick
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