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Die Streuobstwiese in Nordhessen
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10.12.2010, 10.56 Uhr

Unterricht im Apfelbaum

Es war Frühling auf der Streuobstwiese. Rums machte es und die Blüten am Ende des Apfelbaumastes wackelten bedenklich. „He, was ist das denn?“ schrie Jule, sie wäre beinahe von der Blüte gefallen, als eine andere Biene im Sturzflug auf der Nachbarblüte ankam, „fast wäre ich herunter gefallen.

Warum bist du denn so stürmisch? Wer bist du überhaupt?“ „Oh entschuldige, ich bin Melli, aus Volk sieben. Also erstens bin ich erst vor drei Wochen geschlüpft und habe die ganze Zeit im in der stockdunklen Kiste verbracht, die Brut gefüttert, geputzt, Pollen gestampft und Waben gebaut. Heute ist mein erster Tag, an dem ich Nektar sammele. Meine Landungen sind noch nicht so sicher und die Sonne blendet mich und zweitens habe ich mich geärgert. Dieser Mensch, dieser Imker ist wieder da.

Immer wenn man denkt, dass die Waben schön voll und verdeckelt sind, kommt der und nimmt uns unseren Honig weg. Brauchen wir den überhaupt?“ Erschöpft hielt Melli inne und schnappte nach Luft. Jule dachte nach. „Gute Frage“, antwortete sie, „ich meine schon, wenn wir wild in holen Baumstämmen lebten, würden wir den Winter kaum überstehen und da kommen Tiere, die uns den Honig wegfressen. Der Imker bringt uns mit Futter über den Winter, er gibt uns Raum und Schutz, auch vor Krankheiten.

Außerdem, wir tun doch eigentlich was wir wollen, er kann uns kaum manipulieren, er kann nur reagieren. Kaninchen züchten ist einfacher. Wir bestimmen zum Beispiel, wann und wo wir Nektar sammeln oder schwärmen wollen.“ Wohl wahr“, sagte Melli stirnrunzelnd, „aber weiß er denn zu schätzen was wir leisten, schließlich gehören wir zu den fleißigsten Tieren der Welt?“ „Und zu den drei wichtigsten Haustierarten“, ergänzte Jule, „ja, das weiß er schon und das Gute ist, er informiert auch die anderen Menschen.

Er verteilt Infoblätter, auf denen steht, dass unser Hauptnutzen nicht in der Honigproduktion, sondern in der Bestäubung, insbesondere von Obstbäumen, liegt. Zudem erzeugen wir Wachs für Kerzen, Pollen und Propolis für die Gesundheit. Da ist zu lesen, dass die Königin, also die uneingeschränkte Herrscherin eines Volkes, ca. vier Jahre alt werden kann und in einem Jahr zweihunderttausend Eier legt. Oder, dass eine Biene, um ein Kilo Honig zu sammeln, sechsmal die Erde umfliegen muss. Sie besucht dabei etwa zehn Millionen Blüten.“ „Oh, das habe ich nicht gewusst, da habe ich ja noch eine Menge vor mir“, sagt Melli kleinlaut. Jule erwidert: „Und eine Menge lernen musst du auch noch.“

„Das stimmt, hilfst du mir dabei? Du weißt doch sehr viel“, fragte Melli. „Gern“; antwortete Jule. „womit fangen wir an?“ „Ich wüsste gern, was der Imker mit dem Honig macht, den er uns weggenommen hat.“ „Ja also, der Imker entnimmt die Waben, die voll und verdeckelt sind“, begann Jule ihre Ausführungen. „Was verdeckelt ist, weiß ich“, wurde sie von Melli unterbrochen, „da wird jede einzelne volle Zelle auf der Wabe mit Wachs verschlossen, damit der Honig nicht heraus fließen kann. Es ist eine Heidenarbeit.“

„Der Imker weiß, dass zu diesem Zeitpunkt der Honig reif ist“, fuhr Jule fort, „er bringt die Waben in seinen Arbeitsraumraum, nimmt die Verdeckelung ab und entfernt mit seiner Schleuder den Honig aus den Waben. Die leeren Waben bringt er zurück in die Völker und wir füllen sie wieder.“ „Schön blöd“, entfuhr es Melli. „Ach Melli, das Thema hatten wir doch schon. Willst du nun wissen wie es mit dem Honig weiter geht?“ fragte Jule ungeduldig. „Ja sicher, sehr gern“, beeilte sich Melli zu sagen. „Also“; dozierte Jule weiter, „der Honig läuft aus der Schleuder über verschiedene Siebe in einen Eimer und dort bleibt er mehrere Tage drin. Täglich schäumt der Imker den Honig ab um Pollenreste zu entfernen. Außerdem rührt er ihn, ebenfalls täglich, mehrere Minuten lang, dadurch bekommt er eine cremige Beschaffenheit. Ja, so nach ca. einer Woche kann der Honig in Gläser abgefüllt und dann verkauft werden.“

„Sonst nichts, kein Erhitzen, keine Zusatzstoffe oder sonstige Bearbeitungen?“ fragte Melli ganz erstaunt. „Nein gar nichts, jedenfalls nicht beim deutschen Honig. Er ist total naturbelassen, das wird auch immer wieder überprüft“, antwortete Jule. „Ist das der Grund dafür, dass die Menschen unseren Honig haben wollen?“ fragte Melli nach. „Bestimmt, aber es gibt noch andere Gründe. Wichtig sind der Geschmack und das Aussehen, süß und goldgelb, dazu die vielen natürlichen gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe, wie die Vitamine A, B und C, die Mineralstoffe Kalium, Phosphor, Natrium, Magnesium und Eisen. Dazu kommen bakterienhemmende Stoffe, man nennt sie Inhibine. Honig mit warmer Milch wirkt schleimlösend bei Erkältungen und fördert den Schlaf. Das alles findet man beim Haushaltszucker nicht.

Die Menschen mögen den Honig am liebsten auf dem Frühstücksbrötchen, verwenden ihn aber auch zum Kochen und Backen. Es gibt tolle Rezepte. Weißt du Melli, Honig ist eines der wenigen Lebensmittel, dessen Weg vom Erzeuger aus genau verfolgt werden kann. Auf jedem Glas befindet sich ein Etikett mit der Anschrift und der Betriebsnummer des Imkers. Außerdem gibt es da noch ein Mindesthaltbarkeitsdatum, zwei Jahre soll der Honig haltbar sein. In Wirklichkeit ist er es aber viel länger. Man hat Honig als Grabbeigabe für die Pharaonen in den Pyramiden gefunden und der war noch genießbar.

Naturliebe Menschen kaufen Honig, weil sie die Streuobstwiesen, wie diese hier, mit ihrer Artenvielfalt erhalten wollen. Da wären wir wieder bei unserem Nutzen als Bestäuber“, Jule hielt erschöpft inne, „genug für heute, es gäbe noch sehr viel zu erzählen, das machen wir ein anderes Mal.“ Sie nahm einen noch einen kräftigen Schluck Nektar von der Apfelblüte, ließ sich noch einmal kurz auf einer anderen Blüte nieder, grinste und rief Jule zu: „Von wegen der Bestäubung“, und flog davon. „Danke“; schrie Jule hinter ihr her, „danke ich habe viel gelernt“, und machte sich zum Sturzflug auf eine andere Blüte bereit.

Auch Sie können Land für Natur schützen
unter www.naturefund.de

Ein Artikel von Margret Küllmar

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Alter: 35 Jahre,
aus Wiesbaden

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