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Learning to Bee

Anfängersorgen und Altlasten der Imkei (39 Einträge)

Blick ins Bienenvolk im Oktober Bienenhaus im Dezember 2010 Mitte Dezember - Blick ins Bienenvolk I
595 mal angesehen
07.01.2011, 11.45 Uhr

Arbeiten am Bienenvolk im Herbst und Winter: Ein Erfahrungsbericht

Wenn man die verschiedenen Diskussionen in den Imkerforen so liest, kommt mir immer wieder ein Bild in den Kopf, das ich auf einem Imkerkurs gesehen habe. Darauf waren zwei Magazinbeuten in Freiaufstellung zu sehen, hinter denen ein Esel hervolugte. Der Kommentar des Kursleiters dazu war: In den meisten Fällen steht der "Esel" hinter den Beuten. Gemeint war, dass meistens der Imker für die Fehler verantwortlich ist, deren Folgen oder Nebenfolgen die Bienenvölker dann dahinraffen. Die Ansicht vieler Forenschreiber ist indes eine andere: Hier liegt der Fehler in so ziemlich allem, außer den eigenen imkerlichen Großmeisterfähigkeiten. Neben Klimawandel, Elektrosmog, Maispollen, Pestiziden ist es die Überzüchtung, das unnatürliche Winterfutter, das schlechte imkerliche Charisma oder auch die unfreiwillige "Varroatoleranzzucht" des Nachbarimkers, die für den kläglichen Abgang der eigenen Völker verantwortlich gemacht werden können. Warum sollte man Fehler auch bei sich selber suchen?

Warum sollte man Fehler bei sich selber suchen?
Warum sollte man selbst Fehler machen? Und noch dringender: Warum sollte man daraus etwas dazulernen? Der Erziehungswissenschaftler John Dewey beschreibt das Ziel jeglichen Lernens als die Erreichung von "added control". Das bedeutet soviel wie "erhöhte Kontrolle" und meint die Fähigkeit eines Menschen auf veränderte Umweltbedingungen flexibel reagieren zu können. "Added Control"* darf dabei nicht als bloße einseitige Steuerung der Umwelt verstanden werden - auch das Erlernen verschiedener Formen etwas Unangenehmen zu entgehen, bedeutet eine erhöhte Kontrolle über das System Selbst-Umwelt. Um "added control" zu erlangen, muss man aus Fehlern lernen, den eigenen oder den der anderen. Erst durch Fehler konkretisieren sich jene Möglichkeiten, die erstrebenswert da funktional erscheinen. Wer keine Fehler macht, lernt also nicht - oder zumindest weniger als er könnte.

Fehler haben aber noch eine andere positive Seite, außer das man aus ihnen lernen kann: Derjenige, der sich eingestehen kann Fehler zu machen, hat eine gesunde Einstellung zum Selbst - den er erlebt sich als Person, die seine Umwelt und sein Selbst aktiv gestalten kann: Die pychologische Attributionslehre** würde das ein "internal variables Selbstbild" nennen. Wer sein Handeln internal variabel zuschreibt, erlebt sich als jemand, der weitgehend unabhängig von festen Konstanten handeln kann. So eine Person hält Erfolge durch eigene Anstrengung für möglich. Sie ist ein idealer Lerner.
Anders gelagert ist demgegenüber eine Person, die Erfolge wie Misserfolge external stabil oder internal stabil zuschreibt. Entweder ist die Umwelt an allem schuld, oder die eigene unveränderliche Unfähigkeit: Man fühl sich einfach zu dumm für etwas. In beiden Fällen ist eine Lernanstrengung unwahrscheinlich: Warum sollte jemand, der anderen die Schuld zuschreibt oder sich selbst für einen Idioten hält, auch lernen.

Die Überwinterung der Bienenvölker ist quasi der Prüfstein, ob man aus Fehlern lernen kann und will. Dementsprechend bange ich zwar den eigenen Überwinterungserfolgen entgegen, denke mir andererseits aber auch: Wenn alles den Bach hinuntergeht, auch kein Drama, dann fängt man einfach noch mal an und macht es beim zweiten Mal besser. Quasi so wie es im Buch "Death of a Beekeeper" von Lars Gustafsson*** heißt: "We never give up. We start again."

War die Einfütterung richtig?
Mitunter am unsichersten bin ich mir bezüglich der eingefütterten Menge. Ich habe meinen Völkern zwischen 12 bis 15 Liter Apiinvert eingefüttert. Mit dem Fertigsirup hatten wir bisher gute Erfahrungen. Allerdings gibt es in unserer Region seit circa 3 Jahren eine zunehmend starke Springkrauttracht. Das Springkraut blüht an Bachläufen und in sumpfigen Regionen sowie um Weiher und Teiche herum bis in den September hinein. Es bringt bei guten klimatischen Verhältnissen auch nach dem Abschleudern des letzten (Wald-)Honigs eine ausgiebige Tracht. Es wird von den Bienen sehr gut angenommen und vermehrt sich wohl nicht zuletzt aufgrund der idealen Bestäubung enorm. Nach unseren Erfahrungen überwintern die Bienen auf Springkrauthonig durchaus gut. Ein Imkerkollege hat in den letzten Jahren Springkrauthonig geerntet: Er ist durchaus genießbar und hat einen fein süsslichen Geschmack bei einer fast durchsichtig-klaren Färbung. Da wir unsere Sommerbehandlung Ende August/Anfang September durchführen, haben wir darauf verzichtet im September nochmal eine Springkrauthonig-Schleuderung anzusetzen. Bei einigen Bienenständen waren wir aufgrund des teils enormen Honigeintrags in diesem Jahr aber kurz davor diese "Notzuschleudern", um ein völliges Verhonigen des Brutnestes zu unterbinden.
Beim ersten Einsetzen einer starken Springkrauttracht vor etwa drei Jahren haben wir - aufgrund unserer Unvorsicht - einige Völker verloren. Wir hatten mit der Tracht nicht gerechnet und normal eingefüttert. Durch die Einfütterung und das Springkraut waren die Völker übervoll mit Vorräten. Sie saßen im Winter auf kalten, futtergefüllten Waben und hatten im Frühjahr keinen Platz zur Brutaufzucht mehr. So mussten wir im Frühjahr 2007 an die 25% Völkerverluste hinnehmen, obwohl wir scheinbar alles, richtig gemacht hatten. Nur eben, dass wir nicht auf sich wandelnde Umweltbedingungen aufgepasst hatten.
Der Honigeintrag durch das Springkraut macht es mir schwer einzuschätzen, wieviel Futter ich in meine zweizargigen Völker noch einfüttern darf und soll. Hier hat mir mein Imkerchef mit seinem Erfahrungswissen und durch Abschätzen der Versorgungslage des Volkes vor Einfütterung - durch abschätzendes Anheben der Zargen und einen Blick auf die vorhandenen Futterwaben - sehr geholfen. Ob seine Einschätzungen richtig waren, wird sich dann im Frühjahr zeigen.
Zwischen zu geringer Einfütterung und dem eventuellen Verhungern gerade starker Völker oder aber der übermäßigen Einfütterung und der im Frühjahr durch ein verhonigtes Brutnest verhinderten Volksentwicklung - weil kein Platz für Brut da ist - scheint es ein schmaler Grad zu sein.
Zuviele Vorräte sind aktuell an einem Stand meines Imkerchefs ein Problem. In einigen hundert Metern eines Standes von ihm befinden sich zwei vernachlässigte Bienenvölker eines anderen Imkers. Nachdem diese mit weit offenen Fluglöchern und ohne Abschleudern der Honigernte einfach so in den Herbst gingen, kam es bei beiden Völkern Mitte des sehr warmen Novembers zu einer umfassenden Räuberei , an der sich unsere Bienen ausgiebig beteiligten. Neben einer starken Reinvasion unserer Völker durch die Milben der fremden Bienen, warf die Räuberei auch jegliche Überlegungen bezüglich unserer Einfütterung über den Haufen. So hatten wir Mitte November stark Milbenlastige Völlker, deren sämtliches Wabenwerk mit Vorräten propevoll gefüllt war.
Hätten wir die Räuberei nicht bemerkt, wäre bei diesen Völkern vielleicht die ein oder andere Nachschau unterblieben und wir wären im Frühjahr vor einem Desaster bezüglich dieses einen Standes gestanden. So konnten wir angepasst handeln: Bei dem betroffenen Stand haben wir eine wesentlich genauere Kontrolle des Milbenabfalls vor und nach der Winterbehandlung vorgenommen als sonst. Bei zwei an sich sehr guten Völkern dieses Standes mit extrem hohem, andauernden Milbenbefall haben wir zwei Wochen nach der Oxalsäurebehandlung nochmals mit Perizin nachbehandelt - wieder mit starkem Milbenabfall. Bei beiden Völkern zeigt sich aktuell kein Milbenabfall mehr. Sobald es möglich ist, werden bei den Völkern auch einige wenige Futterwaben entnommen werden, um wenigstens etwas Platz für neue Brut zu schaffen. Auch wenn hier der Fehler nicht bei uns lag, die fehlende Vorsicht und Nachsicht hätten wir in jedem Fall uns selbst zuschreiben müssen.

War die Varroabehandlung richtig?
Wir behandeln unsere Völker im Winter durch das Träufeln von Oxalsäure. Zum Einsatz kommt dabei das Präparat Oxuvar, da es uns am anwenderfreundlichsten scheint. Das Besprühen der Waben mit Oxalsäure ist uns zu aufwendig. Auch einige Versuche mit dem Oxamat und dem Verdampfen der Oxalsäure in der vergangenheit konnten uns nicht überzeugen. Gerade in Trogbeuten scheint die Verdampfung nicht planmäßig zu funktionieren, da aufgrund eines fehlenden Gitterbodens wohl zu wenig "Abzug" herrscht. Zumindest fand sich in unserem Fall auch nach planmäßiger Anwendung des Oxamats in den Trogbeuten im Frühjahr eine ganze Menge Reststaub der Behandlung, der uns beim ersten Öffnen der Beuten im Frühjahr zu einer unangenehmen Frühjahrsbegrüßung entgegenstaubte. Auch der Behandlungserfolg war nicht wesentlich besser als beim Aufträufeln von Oxalsäure. Seit diesem einen Einsatz gammelt der frühverrentete Oxamat daher bei uns im Keller herum.
Das Beträufeln der Völker im Winter hat bei uns bisher immer sehr gut funktioniert und reicht auch nach einmaliger Anwendung bei Brutfreiheit aus, um die Völker milbenfrei zu bekommen. Dabei gilt bei uns die Devise lieber später als zu früh - wichtig ist die garantierte Brutfreiheit der Völker, die etwa drei Wochen nach dem ersten Frost eintritt. Da wir im Einzugsgebiet des warmen Fönwinds wohnen, sind längere Kältephasen im Winter manchmal nicht zu haben. Hier muss man dann oft abwarten. Ein zu frühes Durchführen der Winterbehandlung gilt es in jedem Fall zu vermeiden. Die letzten Jahre haben wir die Winterbehandlung Anfang bis Mitte Dezember durchgeführt und sind damit gut gefahren.
Für Notfälle greift mein Imkerchef immer noch auf das Behandlungsmittel Perizin zurück. Leider kommt es gelegentlich zu Fällen, in denen trotz der einmaligen Oxalsäurebehandlung noch ein starker natürlicher Milbenabfall zu beobachten ist. Das kann z.B. Folge einer kaum wirksamen Oxalsäurebehandlung bei noch vorhandener Brut sein, oder aber auch durch eine Reinvasion mit Varroa durch sich auflösende Völker von Nachbarimkern. Da eine zweimalige Oxalsäurebehandlung mit der Träufelmethode den meisten Bienenvölkern den Garaus bereitet, bleibt als mögliches Mittel einer Nachbehandlung nur Perizin. Über die letzten 5 Jahren haben wir zwischen 1-5% unserer Völker (in diesem Jahr insgesamt 2 von 50 Völkern) nochmals mit Perizin nachbehandelt.
Da sich Perizin in Wachs und damit auch in Honig ablagert, sollte es allerdings Ziel sein, die imkerlichen Maßnahme so zu koordinieren, dass der Einsatz vom Perizin überflüssig wird.

Bienenabstinenz im Winter: De-Plug and Pray?
Nachdem die Oxalsäurebehandlung abgeschlossen ist, raten alle Imkerlehrbücher dazu, die Bienen nun in Ruhe zu lassen. Ehrlich gesagt fällt mir das als neugieriger Person und als Imkeranfänger enorm schwer. Am liebsten würde ich in meine Völker eine Videokamera einbauen, um den Status Quo kontrollieren zu können. So habe ich mich die letzten Wochen darauf beschränkt alle paar Wochen einmal die Bodeneinlagen zu begutachten. Normalerweise sollte man sie bei Magazinbeuten herausnehmen. In meinen Beuten sind sie nichtsdestotrotz drin, einfach deshalb, weil mir das Gemüll zumindest ein paar Einblicke in das Volksverhalten ermöglicht und mich das Verhalten des Volkes im Winter interessiert.
Nach der Oxalsäurebehandlung sind bei keinem meiner Völker mehr Milben abgefallen. Im Verlauf der letzten Wochen lies sich am milbenfreien Gemüll aber schön erkennen, wo die Bienentraube den sitzt. Bei meinen sieben Völkern, die in einem Bienenhaus stehen, sitzt die Traube jeweils an der Südseite der Beute - scheinbar ist es dort wärmer. Die beiden äußersten Völker haben ihren Sitz zudem jeweils an die Grenze zur innenliegenden Nachbarsbeute verlegt - auch hin zur wärmeren Seite sozusagen. Anders als im Frühjahr und Sommer besteht das Gemüll hauptsächlich aus abgeschroteten Deckeln von Futterwaben. Erfreulicherweise habe ich keine Mäuse in meinem Bienenhaus, dafür sorgen wohl die Katzen der Höfe in unmittelbarer Nähe zum Bienenhaus.
Insofern gibt es für mich wirklich nichts mehr am Bienenstand zu tun. Für die weiteren Wochen ist deshalb Rähmchen- und Beutenputzen angesagt, ebenso wie eine größere Kellerreinigung. Ein Förderantrag für noch ein paar Beuten ist fast versandfertig. Außerdem überlegen ich und mein Imkerchef ob wir die günstigen Winterpreise einiger Versandhändler für eine größere Bestellung neuer Begattungskästchen nutzen - als verspätetes Weihnachtsgeschenk sozusagen.

Für mich als Anfängerin heißt es in den nächsten Wochen also den eigenen Anschluss ans Bienenhaus vorerst zu kappen und zu hoffen, alles soweit richtig gemacht zu haben, dass ich im nächsten Jahr mit gesunden Völkern starten kann. Und auch wenn sich meine Hoffnungen nicht erfüllen sollten, kann man vielleicht doch was aus den gemachten Fehlern und den nicht beachteten Umweltumständen lernen.


* John Dewey: Democracy and Education
** z.B. Bernhard Weiner: Motivationspsychologie
*** Lars Gustafsson: Der Tod eines Bienenzüchters/Death of a Beekeeper
offline

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Austeja

Austeja

Alter: 37 Jahre,
aus Rosenheim
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Kommentare

07.01.2011 12:10 Bienenfreund
Leider sehen manche Menschen Fehler als Zeichen von Schwäche an.
Dass dies nicht so ist, dass Fehler zuzugestehen ein Zeichen von Stärke sein kann und nach vorne weist, begründet Dein Blog in logischer Weise.
Der Vernunft eine Chance!
meint Bienenfreund
09.01.2011 17:26 Heckenimker
Schön gesagt, dazu auch gleich die Quellen zum nachlesen. Am meisten beeindruckt mich die Klarheit von Gedanken und Zielen wie auch das handwerkliche des Schreibens. Lernen sollte man immer können.
Als jemand mit überwiegend technischem Hintergrund sage ich noch dazu:
Fremde Erfahrungen, Erkenntnisse sind immer die preiswertesten.
Deswegen sollte jeder von uns ernsthaft im Winter was lesen. Nicht nur im Internet. Und:
Fehler die andere machen sind meist weniger schmerzhaft als es eigene sein können. Masochismus ist nicht sehr verbreitet.. Darum sucht man gerne Etwas in der Umgebung Dem man den Stolperer am Weg anhängen könnte. Menschlich ist es und kommt bei jedem mal vor. Bin schon von Zeit zu beeindruckt wie freimütig manche im Forum ihre eigenen Stolperer beschreiben.
Die (Deine) Reflexionen (hier darüber) sind da schon hilfreich. Sie zeigen aber vor allem noch etwas sehr wichtiges. Vorausdenken, mögliche Reinfälle vorher in Erwägung ziehen. Denn schlimmer als sich nicht zu Fehlern bekennen ist – diese überhaupt nicht wahrzunehmen. Nicht zu erkennen.
Das war ein sehr langer Kommentar.
Bin unsicher ob er letztlich nicht ein von mir unerkannter Fehler war.
Grüße
10.01.2011 08:37 Hans_Hagen_Theimer
Wann gibts Du Deine Blogs als Buch heraus?
10.01.2011 09:57 Austeja
Das nächste Buch, das ich rausgebe ist erstmal Anfang 2012 meine Doktorarbeit an der ich grad sitze, danach ist alles weitere möglich
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