Zur mobilen Version wechseln »
 Junge an der Straße Mädchen im Dorf Baby
300 mal angesehen
20.10.2011, 16.43 Uhr

Die alltägliche Korruption

Wir sind nun schon einen Monat zurück in Deutschland. Ich habe aber noch ein paar Geschichten, einige davon hätte ich auch schon in Äthiopien schreiben können. Über manche Themen wollte ich von dort nicht schreiben, auch wenn die Zensur kaum bei landlive recherchieren würde. Wenn die Themen abstrakt sind, bringe ich Kinderbilder dazu.

Wenn wir über Korruption in Äthiopien reden, hören wir oft, dass dies doch auch in Deutschland vorkommt. Das ist richtig, aber es hat in Äthiopien eine andere Dimension. Anders als in Deutschland ist man auch im Alltag davon betroffen, das heißt, wenn man kein Schmiergeld zahlen will, wird man unendlich schikaniert.
Als unser Fahrer mit unserem Auto alleine unterwegs war, hat eine psychisch gestörte Frau mit einem Stock die Windschutzscheibe eingeschlagen. Der Fahrer kam mit zwei Polizisten, die den Unfall aufgenommen hatten. (Wir mussten unseren Fahrer erst beruhigen, dass er nicht den Schaden zahlen müsse.)
Nun brauchten wir für die Versicherung einen Polizeibericht. Am nächsten Tag war bei der Polizei nichts zu machen, sie hatten ein Meeting und sie sagten gleich, dass auch an den nächsten zwei Tagen Meetings stattfänden. Am vierten Tag: Das Auto müsse noch einmal bei der Polizei geprüft werden. Danach: Der zuständige Polizeibeamte könnte den Bericht machen, er sei aber leider in der Mittagspause. Die dauert zwei Stunden und ist heilig. Am Nachmittag: Ja, man könnte den Bericht machen. Aber leider, leider funktioniere der Computer nicht. Man solle am nächsten Tag wiederkommen. Mein Mann hatte inzwischen gelernt, wie man sich zu verhalten hat. Man muss drohen. Also sagte er, er könne nicht bis zum nächsten Tag warten, er müsse schon früh nach Addis Abeba, er habe ein Meeting mit dem Innenminister. Da konnte dann der Bericht auch mit der Hand geschrieben werden.
Bei der Versicherung in Addis Abeba hieß es erst, die Angelegenheit könne an einem halben Tag geregelt werden. Aber dann brauchte man so viele Unterschriften. Schließlich musste auch noch ein Ingenieur kommen, um den Schaden zu prüfen. Am Ende des Tages war man nicht fertig. Am nächsten Vormittag, sicher. Das bedeutet zweieinhalb Stunden nach Adama zurück und am nächsten Tag wieder in die Hauptstadt. Immerhin, am nächsten Nachmittag wurde der Scheck für die Autowerkstatt ausgehändigt. Aber es wurde nicht die gesamte Summe ausbezahlt, sondern nur zwei Drittel. Das Auto, acht Wochen zuvor neu eingestuft und voll versichert, sei unterversichert. So kassierten die Angestellten der Versicherung dann doch ihr Schmiergeld, wahrscheinlich mit Aufschlag, weil sie es doch selbst eintreiben mussten.

offline

Geschrieben von

Private Nachricht schreiben »

Rosalie

Rosalie

Alter: 74 Jahre,
aus Frankfurt
Anzeige

Schlagwörter

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

20.10.2011 20:54 kruemel
Wow, das ist ja wirklich heftig. Da sieht man die deutsche Bürokratie gleich etwas entspannter...
21.10.2011 11:19 Paradiesgarten

Die Leute tun mir Leid, weil man sich nicht so einfach dagegen wehren kann...
Tipp für iPhone-Benutzer: Du kannst alle Kommentare durchblättern, indem du zwei Finger zum Scrollen verwendest.
Anzeige
Zum Seitenanfang