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Dorf in Äthiopien In einem äthiopischen Dorf Bauernhütte in Äthioien 2
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10.01.2012, 22.24 Uhr

Entwicklungshilfe 2: Mentale Hindernisse

Ein äthiopischer Doktorand kommt für einige Monate an eine deutsche Universität. Als er zurückkommt, fragt er: „Warum arbeiten die Deutschen noch? Sie haben doch alles, Wohnungen, Autos, Straßen …“ Arbeit wird nicht als Grundlage für Wohlstand angesehen, sie ist auch kein Wert an sich. Das ist nicht verwunderlich. Studenten können weder ihr Fach noch ihren Studienort frei wählen. Die Regierung legt fest, wer was wo studiert. Eine Karriere hängt weniger von Fähigkeiten ab, sondern mehr von der Volksgruppenzugehörigkeit, Parteizugehörigkeit, Familienzugehörigkeit oder auch von Bestechung und Intrigen. Karrieren können auch sehr schnell beendet werden. Für Europäer ist es nicht nachvollziehbar, warum jemand plötzlich entlassen oder degradiert wird.
Es besteht auch kaum ein Zusammenhang zwischen Arbeitsleistung und Einkommen. Arme Leute schuften, ihr Verdienst reicht aber kaum für’s Überleben. Unsere Maid versuchte, eine neue Stelle zu finden. In unserer Nachbarschaft wurde gerade ein Luxuskrankenhaus für reiche Leute eröffnet. Sie bewarb sich um eine Stelle als Putzfrau. Sie hätte auch eine mit einem Gehalt von 600 Birr bekommen; vorher sollte sie aber 1000 Birr Bestechung zahlen. Eine andere Frau bewarb sich dort um eine Stelle als Buchhalterin. Ihr wurde bedeutet, dass die Stellen mit Familienmitgliedern des Leiters besetzt seien.
Entwicklungshilfeprojekte gibt es überall im Lande. Äthiopien ist das bevorzugte Land für Entwicklungshilfe, das Geld wird geradezu aufgedrängt. Das hat zu der Einstellung geführt, dass jeder Europäer um Spenden angegangen werden kann. Waisenhäuser brauchen Geld, Schulen brauchen Unterrichtsmaterial, ein junger begabter Mann braucht ein Stipendium, ein Kind braucht Schulgeld usw. Wir besichtigten eine Schule auf dem Lande. Ein Lächeln kam erst auf die Lippen des Schulleiters und der anderen Verwaltungspersonen, als wir unser Bargeld zusammenkratzten und es für die Schule spendeten. Man zeigte uns einen Berg von Schulmöbeln, die im Freien lagerten. Die Möbel seien kaputt; die Regierung bezahle keine neuen. Selbstverständlich sind dann die Europäer zuständig. Nach einigen Tagen wurde uns eine Kostenaufstellung von mehreren Tausend Euro zugesandt. Wir haben damals nicht den Vorschlag gemacht, die Möbel zu reparieren. Das wäre auch nicht geschehen. Denn wer sollte das organisieren? Dazu bräuchte man weitere Mitarbeiter.
Wenn Deutsche sich trafen, kam immer schnell das Gespräch darauf, wie Entwicklungshilfe sinnvoll gestaltet werden könnte. Wir haben keine Antwort darauf gefunden.
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Rosalie

Rosalie

Alter: 74 Jahre,
aus Frankfurt
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Kommentare

11.01.2012 11:03 Volkerseitz
Eine der wichtigsten Beobachtungen, die man in Afrika machen kann, ist die Kluft die zwischen der Tüchtigkeit vieler Frauen und der häufigen Trägheit bei den Männern klafft.Vor der Afrikanischen Union in Addis Abeba am 13. Juni 2011 beendete Hillary Clinton ihre Rede mit dem großartigen Satz: “Wenn alle afrikanischen Frauen, vom Kap bis Kairo, sich entschlössen eine Woche nicht arbeiten, würde die gesamte Wirtschaft des Kontinents wie ein Kartenhaus zusammenfallen.”
Der Friedensnobelpreis 2011 für zwei liberianische Politikerinnen regt hoffentlich zum Nachdenken an.
Afrikanische Frauen gelten als weniger bestechlich und mehr dem Gemeinwohl verpflichtet. Für die Hilfsorganisationen lohnt es sich wenn sie Frauen fördern. Frauen werden selbstbewusster, und ihre Eigeninitiative nimmt zu.
Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"
www.Bonner-Aufruf.eu









11.01.2012 11:13 Paradiesgarten
Deprimierend !
13.01.2012 15:25 kruemel
Sehr erschreckend, sowohl die Arbeitslage als auch der Umgang mit Spendengeldern. So ganz naiv würde ich mir denken, dass es weniger vorgefertigte Spenden-Lösungen sondern mehr "Hilfe zur Selbsthilfe" geben sollte. Aber das ist so einfach mal dahingesagt, und ob das wirklich besser funktioniert?
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