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Studenten Student der Adama University, Äthiopien Studenten der Adama University, Äthiopien
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22.01.2012, 19.30 Uhr

Bildung, Bildung, Bildung

Äthiopier kennen sehr genau den Wert eines Schulabschlusses oder einer Berufsausbildung für ihr Fortkommen. Gerade kleine Leute wenden viel Zeit und Geld für Fortbildung in Abendschulen auf. Unser Gärtner hat den Abschluss der achten Klasse auf der Abendschule gemacht und dafür einen beträchtlichen Teil seines sehr geringen (und unregelmäßigen Einkommens) an Schulgeld bezahlt. Unsere Maid strebt den Abschluss der zehnten Klasse an. Ein Lehrerehepaar qualifizierte sich nach drei Jahren Abendschule als Buchhalter bzw. Buchhalterin. Entsprechende Stellen haben sie noch nicht gefunden. Zertifikate nutzen wenig, wenn man nicht über Beziehungen oder Geld für Bestechungen verfügt.

Auch in die Bildung ihrer Kinder investieren äthiopische Eltern sehr viel. Sie wollen ihren Kindern gute Ausgangsbedingungen schaffen. Weil an Privatschulen der Englischunterricht schon in den Vorklassen beginnt, zahlen auch Eltern mit bescheidenem Einkommen, z.B. unser Fahrer, viel Schulgeld. Das Problem ist, dass die Englischlehrer selbst kaum mehr als ein rudimentäres Englisch können. Lehrbücher für Englisch strotzen vor Fehlern. Eine amerikanische Organisation will nun die Grundschulen reformieren. Sie haben festgestellt, dass je nach Region 10% bis 40% der Kinder nach vier Jahren Unterricht nicht ein einziges englisches Wort richtig schreiben können. Nun wollen die Amerikaner Schulbücher für Grundschüler in den verschiedenen Landessprachen schreiben. Die Lehrer sollen fortgebildet werden. Man kann nur hoffen, dass sie erfolgreich sein werden.

Viel Geld aus der Entwicklungshilfe fließt in den Ausbau und die Neugründung von Universitäten. Dabei setzt die äthiopische Regierung auf Masse. Es fehlt daher - trotz ausländischer Hochschullehrer- qualifiziertes Lehrpersonal. Etwa zwei Drittel aller äthiopischen Hochschullehrer haben nur einen Bachelor Abschluss. Einem großen Teil des Hochschulpersonals wird durch Verringerung der Lehrverpflichtung die Möglichkeit gegeben, sich bei vollem Gehalt auf die eigene Stelle zu qualifizieren. Viele arbeiten auf einen Master oder Doktor hin.
Es werden Ausländer ins Land geholt, um Universitäten aufzubauen oder zu reformieren. Man kann nicht erwarten, dass jeder über Reformen begeistert ist. In Äthiopien leistete jedoch die überwiegende Mehrheit des Hochschulpersonals gegen jegliche Veränderung erbitterten Widerstand bis hin zur Sabotage. Viele wollen nur das machen, was sie schon in ihrer eigenen Ausbildung gemacht hatten und keinen Deut daran ändern, geschweige denn etwas Neues ausprobieren. Entwicklungen werden auch durch die Strukturen erschwert. Es gibt strenge Hierarchien, in unseren Augen viel Willkür, Kämpfe zwischen den verschiedenen Volksgruppen (Studenten schlagen sich krankenhausreif), Intrigen, anonyme Briefe, Denunziationen und wie überall Korruption. Wir im Westen gehen von einer beruflichen Identität aus. Diese Idee ist in Äthiopien nicht vorhanden. Da die Studenten ihr Fach nicht selbst auswählen, kann sie sich schlecht entwickeln. Zudem hängt die Karriere weniger von der fachlichen Qualifikation als von sachfremden Bedingungen ab. Es verwundert deshalb nicht, wenn sich keine Motivation entwickelt, seinen Beruf möglichst gut auszuüben.

(Die Fotos wurden in der Adama University aufgenommen.)

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Rosalie

Rosalie

Alter: 74 Jahre,
aus Frankfurt
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Kommentare

23.01.2012 11:03 himbeerbaer
Die Kinder wissen nicht was Spielen ist, die Studenten nicht, was Berufung ist.... kann man sich alles gar nicht vorstellen! Vielen Dank für deine hochinteressanten Berichte!
23.01.2012 12:00 Paradiesgarten

Was für eine traurige Realität !
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