Die deutsche Jagdkultur: Viel mehr als nur die Suche nach dem Blattschuss

Natürlich, der erfolgreiche Schuss auf ein (möglichst im Knall liegendes, also an Ort und Stelle verendendes) Stück Wild ist rund um den Globus der letztendliche Kerngrund, um zur Jagd zu gehen. Doch während sich in vielen Ländern die moderne Jagdkultur rings um den Schuss äußerst pragmatisch und nüchtern-technisch zeigt, konnte sich in Deutschland (und in weiten Teilen des restlichen deutschsprachigen Raumes) eine reichhaltige Kultur entwickeln und erhalten – die deshalb bei uns aus der Jagd deutlich mehr macht als das reine Nachstellen und Erlegen.

Disclaimer: Die deutsche Jagdkultur ist sehr umfangreich und vielschichtig und füllt ganze Bücherregale. Es sei deshalb verziehen, dass wir uns aus Platzgründen auf die wichtigsten Details konzentrieren mussten.

Die Wurzeln einer Kultur

Wer in den USA zur Jagd gehen möchte, der löst einen Jagdschein und darf dann – in vielen Staaten ohne weitere Schulungen – während der „Hunting Season“ ein bestimmtes Kontingent Wild zur Strecke bringen; innerhalb von speziellen Zeiträumen sogar mit Recurve- und Compoundbogen sowie Armbrust. Dies mag zwar simpel erscheinen, ist jedoch auch Jagdkultur: geboren aus den sehr freiheitlichen Idealen dieser Nation.

In Deutschland hingegen muss Jagdkultur immer vor dem Hintergrund besonderer soziokultureller Umstände in der Vergangenheit betrachtet werden. Zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert war die Jagd hierzulande von einem weitreichend Adelsprivileg gekennzeichnet (ebenso wie in vielen anderen europäischen Nationen). Aus heutiger Sicht mag dies überkommen und nicht zuletzt ungerecht anmuten. Jedoch:

  • Einerseits ermöglichte das Jagdprivileg schon sehr früh eine gezielte Hege und die Vermeidung von Überjagung,
  • andererseits konnte sich dadurch eine umfassende Kultur entwickeln, weil die Jagd frühzeitig vom reinen Pragmatismus der Nahrungsbeschaffung entkoppelt wurde.

Insofern ist die moderne deutsche Jagdkultur, so demokratisch die Zugänglichkeit heute auch sein mag, unmittelbar von diesen Wurzeln beeinflusst. Das Gegenbeispiel sind erneut die USA – ohne deren Jagd in irgendeiner Form schlechtmachen zu wollen. Hier gab es niemals einen Adel, weshalb sich letzten Endes keine derart einheitliche und ausgeprägte traditionelle Jagdkultur entwickeln konnte.

Waidgerechtigkeit – der Kern einer Tradition

In den Augen vieler Laien besteht die einzige Aufgabe eines Jägers darin, außerhalb etwaiger Schonzeiten möglichst viel Wild zu erlegen. Tatsächlich geht es jedoch genau darum nicht. Dieses Detail ist vielleicht der entscheidende Punkt, der die moderne Jagd (in vielen Ländern) von vergangenen Verhaltensweisen unterscheidet:

Jedem Jäger ist sowohl an Hege und Pflege als auch an der Jagd selbst gelegen. Er ist in heutigen Zeiten derjenige Regulator, der vielerorts auf natürlichem Weg mangels Fressfeinden fehlt und ohne den Wildpopulationen sowohl krank als auch beträchtliche Schäden verursachen würden.

  • Der Jäger der Vergangenheit jagte je nach Epoche und Hintergrund aus rein pragmatischen persönlichen Motiven von Nahrungsbeschaffung und Vergnügen und sorgte deshalb oft für Überjagung.
  • Der moderne Jäger handelt dagegen vornehmlich aus einer naturschützenden und -liebenden Motivation heraus, um das durch die Zivilisation vielerorts verlorengegangene natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen – wenngleich freilich die meisten an der Jagd insgesamt Vergnügen empfinden.

Dieser elementare Unterschied ist der wichtigste Grund, warum ein zentraler Bestandteil deutscher Jagdkultur bis in die Gegenwart so bestimmend ist: Die Waidgerechtigkeit.

Das ist des Jägers Ehrenschild,
dass er beschützt und hegt sein Wild,
waidmännisch jagt, wie sich’s gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt!

Diese erste Strophe des bekannten Riesenthalschen Gedichts „Waidmannsheil“ griff schon 1880 auf, worum es bis heute in der deutschen Jagdkultur zentral geht:

Fair jagen, das Wild beschützen, durch die Wahl passender Waffen und Geschossenergien minimal mögliches Leid verursachen, zu einem gesunden und natürlichen Aufkommen beitragen und das Wild – nicht zuletzt – in Auftreten und Umgang respektieren.

Sämtliche deutschen Jagdgesetzgebungen orientieren sich an diesem einen Grundsatz und von ihm werden zudem viele weitere Teile des deutschen jagdlichen Brauchtums abgeleitet.

Überdies dient die tiefe kulturelle Verwurzelung der Waidgerechtigkeit, neben der reinen Gesetzmäßigkeit, sowohl als interner Verhaltenskodex und Kompassnadel in der Jägerschaft als auch als Garant dafür, den Grundgedanke von Jungjägergeneration zu Jungjägergeneration weiterzureichen.

Insofern ist die deutsche Jagdkultur, so fremd sie auf Außenstehende manchmal wirken mag, ein einzigartiges Wesensmerkmal, das in Umfang und Fülle weltweit seinesgleichen sucht – unter anderem stellten deshalb drei deutsche Jagdverbände bei der UNESCO den Antrag, Jagdkultur und Jagdwesen in Deutschland zum immateriellen Kulturerbe zu erklären.

Eine Sprache für sich

Wer in Deutschland einen Kursus zur Jägerprüfung besucht, der wird unvermeidbar darin auch etwas erleben, das der Begriff „Fremdsprachenkurs“ am ehesten beschreibt.

Das waidmännische Deutsch ist mehr als nur eine reine Ansammlung von Fachbegriffen. Es ist ebenfalls gelebte Tradition. Stand dahinter zunächst nur der Wunsch, sich von anderen abzugrenzen und potenziellen Wilderern das Zuhören zu erschweren, so hat sich diese Sprache bis heute zu einer intensiv genutzten und gepflegten Kommunikationsform weiterentwickelt. Letzten Endes gibt es im jagdlichen Bereich nichts, was nicht einen eigenen Begriff hätte – der oft präziser als normalsprachliche Worte ist und kürzer als jede Umschreibung.

Die deutsche Jägersprache ist deshalb extrem umfangreich. Im Gegensatz zu vielen anderen Fach- und Berufssprachen nutzt sie nicht nur wenige Begriffe, sondern ist so divers, dass eigene Wörterbücher und ganze Wortinseln nur für bestimmte Wildarten existieren – und manche Jungjäger in der Konversation stocken, weil sie die richtige Vokabel überlegen müssen – vom wunderbaren Klang solcher Worte wie Anbacken, Halbschaufler oder Schüsseltrieb einmal ganz zu schweigen. Insgesamt umfasst diese Sprache, allein was die praktisch genutzten Vokabeln anbelangt, gut und gerne 6.000 Vokabeln.

Signale und musikalische Unterhaltung

Es ist ein Instrument, dessen Wurzeln in einer heute längst aus Tierschutz- und Waidgerechtigkeitsgründen verbotenen Jagdform liegen, der Parforcejagd. Ein simpel aufgebautes und dennoch ausreichend komplexes Stück Technik: Das Parforcehorn, einer der größeren Vertreter der Gruppe der Jagdhörner.

In früheren Zeiten diente das Horn vornehmlich zur Signalabgabe bei Gesellschaftsjagden. Gleichsam nützte seine musikalische Nutzbarkeit jedoch schon frühzeitig, um den bei der Waidgerechtigkeit genannten Respekt dem Wild gegenüber auszudrücken.

So ist es bis heute geblieben: Moderne deutsche Jagdgesellschaften verständigen sich selbst im Zeitalter von Handys und Walkie-Talkies oft genug über Jagdhornsignale – wenngleich die moderne Technik oft aus Pragmatismus und Sicherheitsgründen nötig ist. Wenn am Abend die Strecke gelegt wird, erfolgt natürlich ein ehrenvolles „Jagd vorbei“ samt „Halali“ – und somit nicht nur ein wichtiger Teil der Brauchtumspflege, sondern erneut dem Respekt vor dem Geschöpf.

Strecke und Bruch

Zugegeben, wenn der einzelne Jäger in sein Revier fährt, um bei gutem Büchsenlicht eine Rotte Schwarzkittel davon abzuhalten, ein Feld zu verwüsten, dann muss auch die traditionsreiche deutsche Jagd oft vor dem gebotenen Pragmatismus die Waffen strecken. In dem Fall werden dann Bache und Co. ohne viel Federlesens aufgebrochen und zum weiteren Zerlegen abtransportiert.

Doch selbst bei der kleinsten Gesellschaftsjagd lassen es sich die wenigsten Jäger nehmen, nach dem Ende sofort wieder den traditionellen Teil aufzunehmen. Es beginnt damit, die Strecke in der korrekten Reihenfolge der „Wertigkeit“ des Wildes zu legen – und jedes Tier mindestens auf die rechte Seite. Männliches Schalenwild bekommt den „letzten Bissen“ in den Äser, anderes Wild wird dem Inbesitznahmebruch markiert; dieses Nutzen von Astbrüchen ist ebenfalls ein Stück einer viel größeren Tradition, die mit Signalen zusammenhängt.

Typischerweise wird der Streckenplatz zudem im Feuerschein beleuchtet und die erfolgreichen Jäger bekommen den Jägerbruch gereicht, der rechts ins Hutband gesteckt wird – diese Tradition verfolgen sogar die meisten Waidleute, wenn sie allein jagen.

Schüsseltrieb – Brauchtum, Spaß und Strafe zugleich

Wer im deutschsprachigen Raum eine Jagderlaubnis besitzt, der kann sich je nach Vorgeschichte manchmal schwertun damit, in diese Welt der Traditionskultur hineinzuwachsen, selbst wenn er mit dem Jägerschlag frühzeitig einen Erstkontakt zum Brauchtum gemacht hat. Dementsprechend wird manchmal einfach etwas vergessen.

Solange es sich nicht um Verstöße gegen Jagdgesetze handelt, hat dies zwar keine offiziellen Folgen für den Jäger – wohl aber inoffizielle im Rahmen einer Gesellschaftsjagd. Denn nach dem Halali geht es vielfach zum Schüsseltrieb beziehungsweise Schüsseltreiben.

Primär handelt es sich dabei um den festlichen Abschluss der Jagd bei gemütlichem Zusammensein und deftigem Essen. Vielerorts wird dabei aber auch ein Jagdgericht einberufen. Kein Strafgericht, nicht einmal sonderlich ernst gemeint, so handelt es sich dabei trotzdem um eine kleine Erinnerung daran, dass der Jäger (allerdings auch Treiber und Hundeführer) sich beim nächsten Mal besser an die Traditionen zu halten habe.

Heute ist die Sache meist harmlos, enthält häufig nur ironische Ermahnungen oder vielleicht ein kleines Bußgeld in die Jagdkasse. Früher allerdings gab es „Pfunde“ –kräftige Schläge mit der flachen Seite des Waidblatts (ein Jagdmesser mit sehr breiter Klinge) auf den Allerwertesten.

Drakonisch mag das Jagdgericht nicht mehr sein, vielerorts wird es auch gar nicht mehr großartig inszeniert. Die Erinnerung an die Pflichten des Jägers, die deutsche Jagdkultur auch weit im 21. Jahrhundert noch zu achten, wird jedoch hochgehalten – und das ist mit Blick auf die Geschichte, Vielfalt und Einzigartigkeit dieses besonderen Brauchtums auch gut so!

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